VW-Affäre weitet sich aus

4. Juli 2005, 16:14
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Berichte über umstrittene Zahlungen an Brasilianerin - Konzern ließ Verdächtigen angeblich wochenlang beschatten - Verdächtigungen auch gegen Hartz

Frankfurt/Main - Die VW-Korruptionsaffäre um den entlassenen Skoda-Vorstand Helmuth Schuster und den zurückgetretenen Betriebsratschef Klaus Volkert schlägt immer höhere Wellen. Nach übereinstimmenden Berichten der Nachrichtenmagazine "Spiegel" und "Focus" geht es unter anderem um Kosten, die für Flüge einer mit Volkert persönlich bekannten Brasilianerin angefallen sein sollen.

Die "Bild am Sonntag" berichtete unter Berufung auf ranghohe VW-Mitarbeiter, Schuster sei auf Veranlassung der Konzernspitze wochenlang beschattet worden. Dabei seien auch Treffen mit Personalvorstand Peter Hartz observiert worden. VW wollte sich zu den Berichten am Wochenende nicht äußern. Konzernchef Bernd Pischetsrieder hat eine "lückenlose Aufklärung" der Affäre angekündigt und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG zu Hilfe gerufen.

Nach Angaben des "Spiegel" flog die Brasilianerin mehrfach auf Kosten von VW in der ersten Klasse nach Deutschland. Die Abrechnungen dafür seien als Auslagen für Betriebsratsprojekte verrechnet worden. Nach "Focus"-Informationen existierte mit der Frau zudem ein Werbevertrag. Für das Honorar habe sie gearbeitet und regelmäßig Firmen-Videos für VW produziert, zitierte das Magazin die Frau aus Sao Paulo, die eine Liebesaffäre mit Volkert jedoch bestritt.

Wie der "Spiegel" weiter berichtete, soll Schuster zudem versucht haben, die IG Metall als Mitfinanzierer für ein geplantes millionenschweres Vertriebs- und Erlebniscenter der Marke Skoda in Prag zu gewinnen. Nachdem die Gewerkschaft keine befriedigenden Informationen über die beteiligte Firma F-BEL - an der Schuster und Volkert indirekt beteiligt gewesen sein sollen - bekommen habe, sei das Geschäft mit der Gewerkschaft allerdings nicht zu Stande gekommen.

Überhöhte Spesen- und Reisekostenabrechnungen

Der "Bild am Sonntag" zufolge soll die firmeninterne Revision bei VW bei ihren Ermittlungen auch zahlreiche Fälle von überhöhten Spesen- und Reisekostenabrechnungen festgestellt haben. Darunter seien auch Quittungen, die Hartz abgezeichnet haben soll. Demnach bestehe der Verdacht, dass Hartz von solchen Vorkommnissen gewusst und diese toleriert habe. Auch zu diesem Vorwurf wollte VW zunächst nichts sagen: Dazu könne man derzeit keine Stellung nehmen, weil noch nicht alle Rechnungen geprüft seien, zitierte der "Spiegel" das Unternehmen.

Einen Rücktritt von Hartz lehnte VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch ab. "Der Aufsichtsrat hat und wird Herrn Dr. Hartz keinen Aufhebungsvertrag anbieten", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Herr Dr. Hartz bleibt Personalvorstand von Volkswagen."

Der VW-Betriebsrat ging einem Bericht der "Braunschweiger Zeitung" zufolge unterdessen klar auf Distanz zum zurückgetretenen Betriebsrats-Chef Klaus Volkert und forderte die Aufklärung der Vorwürfe. "Und das gilt für alle, die in dem Verdacht stehen, wie auch immer geartete scheinbare Unregelmäßigkeiten persönlich zu verantworten", zitierte das Blatt aus einer Erklärung des Stellvertreter Volkerts, Bernd Osterloh, an die Mitarbeiter.

Die "Automobilwoche" meldete unter Berufung auf einen Insider, Pischetsrieder wolle die Bestechungsaffäre nutzen, um die "Verfilzung zwischen Management, Betriebsrat und Politik zu beseitigen", die ihn seit seinem Amtsantritt vor über zwei Jahren bei der Umsetzung seiner Pläne behindere. (APA/AP)

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