Geiselaffäre wirft "viele Fragen auf"

8. Juli 2005, 16:35
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US-Regierung will Vergangenheit von Ahmadi-Nejad durchleuchten - Berichte über Beteiligung an Geiselnahme in US-Botschaft

Mindestens ein halbes Dutzend der 1979 in der amerikanischen Botschaft in Teheren genommenen Geiseln wollen im neu gewählten iranischen Staatspräsidenten Mahmoud Ahmadi-Nejad einen Rädelsführer der radikalen Militanten wieder erkennen: "Im Augenblick, als ich sein Gesicht sah, haben eine Menge Glocken zu läuten begonnen", erklärte Don Sharer, einer der 52 Amerikaner, die 444 Tage lang festgehalten wurden.

Ein zweiter, Chuck Scott, erinnert sich, er und seine Mitgefangenen seien von Ahmadi-Nejad als "Schweine und Hunde" bezeichnet worden. "Er war einer von jenen, die uns gefangen hielten." Auch der britische Journalist John Simpson von der BBC will Ahmadi-Nejad bald nach der islamischen Revolution interviewt haben – die entsprechenden Aufnahmen seien jedoch vernichtet worden und: "Nach zwei Dekaden verblassen die Erinnerungen. Ich kann mir nicht mehr absolut sicher sein."

Aus dem Umkreis von Ahmadi-Nejad verlautet, dieser sei zwar Mitglied der islamistischen Studentenbewegung gewesen, habe sich jedoch gegen die Geiselnahme ausgesprochen.

Im Weißen Haus reagierte zunächst Sicherheitsberater Stephen Hadley: Man habe zwar den Background des ehemaligen radikalen Bürgermeisters von Teheran überprüft, aber bisher habe man noch nicht alle Fakten.

Seine angebliche Rolle bei der Geiselnahme ist "eines der Dinge, die wir uns genauer ansehen werden". Trotzdem: "Offenbar werden wir uns mit der iranischen Regierung auseinander setzen müssen". Präsident George W. Bush erklärte einer Gruppe von Reportern, er habe zwar keine Informationen, aber "offensichtlich wirft das viele Fragen auf".

Eine der Fragen muss wohl sein, warum der amerikanische Geheimdienst von diesen neuen Fakten praktisch überrascht wurde, insbesondere in einem Staat, der von der Bush- Regierung abwechselnd als "Außenposten der Tyrannei" und Teil der "Achse des Bösen" bezeichnet wurde. Die USA brachen nach der Geiselnahme die diplomatischen Beziehungen mit dem Iran ab und haben sie seither nicht wieder aufgenommen.

Wachsende Zweifel

Nach den Vorwürfen gegen Ahmadinejad wachsen Zweifel, ob er tatsächlich zu den Geiselnehmern in der US-Botschaft in Teheran 1979 gehörte. Einige der Ex-Geiseln haben nach amerikanischen Medienberichten vom Freitag gesagt, sie könnten nicht bestätigen, dass Ahmadinejad beteiligt gewesen sei.

Auch frühere iranische Studentenführer wiesen Aussagen zurück, der künftige Staatschef habe sich an der Botschaftsbesetzung beteiligt. Mehrere damalige US-Geiseln beharrten jedoch auf ihrer Ansicht, er sei einer der Führer der Studenten gewesen.

Hochschule sei nicht beteiligt

Die Geiselnahme von über 50 Diplomaten und Botschaftsangestellten am 4. November 1979 sei das Werk von Studenten von vier Teheraner Universitäten gewesen, sagten vier frühere Studentenführer am Freitag in Teheran. Ahmadinejads Hochschule sei nicht beteiligt gewesen. "Er wollte nach der Besetzung mitmachen, aber wir haben das abgelehnt", sagte Ex-Geiselnehmer Abbass Abdi. Die meisten der damaligen Geiselnehmer gehören heute der politischen Reformbewegung an und befürworten die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu den USA.

Die "Washington Times" zitiert fünf frühere Geiseln, die nach eigenen Angaben Ahmadinejad nicht als einen der Geiselnehmer identifizieren konnten. "Ich kann mich nicht an ihn erinnern", sagte Oberst Thomas Schaefer, damals Luftwaffenattaché an der Botschaft. "Ich erinnere mich an vier der Männer damals", sagte auch Universitätsprofessor Paul Needham der "New York Times", "Ahmadinejad war keiner von ihnen". Needham war als 28-Jähriger in Geiselhaft.

Teheran weist Vorwürfe zurück

Der Iran hat empört Vorwürfe aus den USA zurückgewiesen, wonach der neu gewählte Präsident Mahmoud Ahmadinejad in die Geiselnahme von US-Bürgern vor rund 25 Jahren verwickelt gewesen sein soll. Washington habe in der Angelegenheit "einen Propagandakrieg" begonnen, sagte ein Vertrauter Ahmadinejads am Samstag in Teheran der studentischen Nachrichtenagentur ISNA.

Es zeuge von "einem niedrigen Intelligenzquotienten", wenn ein zweifelhaftes Foto von damals mit dem Aussehen des iranischen Präsidenten von heute verglichen werde, sagte Abolhassin Fakih, einer der Leiter von Ahmadinejads Wahlkampfteam. Dieser habe während seiner Studienzeit "noch nicht einmal einen Bart getragen" und könne nicht mit dem Mann auf dem Foto der Geiselnahme identisch sein, das in mehreren US-Zeitungen veröffentlicht worden war. (red/APA/DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.7.2005)

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    9. November 1979: Eine US-Geisel wird in Teheran vorgeführt. Mehrere Zeugen glauben, in dem zweiten Mann von rechts den neuen Präsidenten Ahmadi-Nejad zu erkennen.

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    Mit diesem undatierten Foto warb Ahmadi-Nejad vor den Wahlen für sich.

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