US-Regierung will Vergangenheit von Ahmadi-Nejad durchleuchten - Berichte über Beteiligung an Geiselnahme in US-Botschaft
Mindestens ein halbes Dutzend der 1979 in der amerikanischen Botschaft in Teheren
genommenen Geiseln wollen
im neu gewählten iranischen
Staatspräsidenten Mahmoud
Ahmadi-Nejad einen Rädelsführer der radikalen Militanten wieder erkennen: "Im Augenblick, als ich sein Gesicht
sah, haben eine Menge Glocken zu läuten begonnen", erklärte Don Sharer, einer der 52
Amerikaner, die 444 Tage lang
festgehalten wurden.
Ein
zweiter, Chuck Scott, erinnert
sich, er und seine Mitgefangenen seien von Ahmadi-Nejad
als "Schweine und Hunde" bezeichnet worden. "Er war einer von jenen, die uns gefangen hielten." Auch der britische Journalist John Simpson
von der BBC will Ahmadi-Nejad bald nach der islamischen
Revolution interviewt haben –
die entsprechenden Aufnahmen seien jedoch vernichtet
worden und: "Nach zwei Dekaden verblassen die Erinnerungen. Ich kann mir nicht
mehr absolut sicher sein."
Aus dem Umkreis von Ahmadi-Nejad verlautet, dieser
sei zwar Mitglied der islamistischen Studentenbewegung
gewesen, habe sich jedoch
gegen die Geiselnahme ausgesprochen.
Im Weißen Haus reagierte
zunächst Sicherheitsberater
Stephen Hadley: Man habe
zwar den Background des ehemaligen radikalen Bürgermeisters von Teheran überprüft, aber bisher habe man
noch nicht alle Fakten.
Seine
angebliche Rolle bei der Geiselnahme ist "eines der Dinge,
die wir uns genauer ansehen
werden". Trotzdem: "Offenbar
werden wir uns mit der iranischen Regierung auseinander
setzen müssen". Präsident
George W. Bush erklärte einer
Gruppe von Reportern, er habe zwar keine Informationen,
aber "offensichtlich wirft das
viele Fragen auf".
Eine der Fragen muss wohl
sein, warum der amerikanische Geheimdienst von diesen
neuen Fakten praktisch überrascht wurde, insbesondere in
einem Staat, der von der Bush-
Regierung abwechselnd als
"Außenposten der Tyrannei"
und Teil der "Achse des Bösen" bezeichnet wurde. Die
USA brachen nach der Geiselnahme die diplomatischen Beziehungen mit dem Iran ab
und haben sie seither nicht
wieder aufgenommen.
Wachsende Zweifel
Nach den Vorwürfen gegen Ahmadinejad wachsen
Zweifel, ob er tatsächlich zu den Geiselnehmern in der US-Botschaft
in Teheran 1979 gehörte. Einige der Ex-Geiseln haben nach
amerikanischen Medienberichten vom Freitag gesagt, sie könnten nicht
bestätigen, dass Ahmadinejad beteiligt gewesen sei.
Auch frühere iranische Studentenführer wiesen Aussagen zurück, der
künftige Staatschef habe sich an der Botschaftsbesetzung beteiligt. Mehrere damalige US-Geiseln beharrten
jedoch auf ihrer Ansicht, er sei einer der Führer der Studenten
gewesen.
Hochschule sei nicht beteiligt
Die Geiselnahme von über 50 Diplomaten und Botschaftsangestellten
am 4. November 1979 sei das Werk von Studenten von vier Teheraner
Universitäten gewesen, sagten vier frühere Studentenführer am Freitag
in Teheran. Ahmadinejads Hochschule sei nicht beteiligt gewesen. "Er
wollte nach der Besetzung mitmachen, aber wir haben das abgelehnt",
sagte Ex-Geiselnehmer Abbass Abdi. Die meisten der damaligen
Geiselnehmer gehören heute der politischen Reformbewegung an und
befürworten die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zu den USA.
Die "Washington Times" zitiert fünf frühere Geiseln, die nach
eigenen Angaben Ahmadinejad nicht als einen der Geiselnehmer
identifizieren konnten. "Ich kann mich nicht an ihn erinnern", sagte
Oberst Thomas Schaefer, damals Luftwaffenattaché an der Botschaft.
"Ich erinnere mich an vier der Männer damals", sagte auch
Universitätsprofessor Paul Needham der "New York Times", "Ahmadinejad
war keiner von ihnen". Needham war als 28-Jähriger in Geiselhaft.
Teheran weist Vorwürfe zurück
Der Iran hat empört Vorwürfe
aus den USA zurückgewiesen, wonach der neu gewählte Präsident
Mahmoud Ahmadinejad in die Geiselnahme von US-Bürgern vor rund 25
Jahren verwickelt gewesen sein soll. Washington habe in der
Angelegenheit "einen Propagandakrieg" begonnen, sagte ein Vertrauter
Ahmadinejads am Samstag in Teheran der studentischen
Nachrichtenagentur ISNA.
Es zeuge von "einem niedrigen Intelligenzquotienten", wenn ein
zweifelhaftes Foto von damals mit dem Aussehen des iranischen
Präsidenten von heute verglichen werde, sagte Abolhassin Fakih, einer
der Leiter von Ahmadinejads Wahlkampfteam. Dieser habe während seiner
Studienzeit "noch nicht einmal einen Bart getragen" und könne nicht
mit dem Mann auf dem Foto der Geiselnahme identisch sein, das in
mehreren US-Zeitungen veröffentlicht worden war.
(red/APA/DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.7.2005)