Wiener Tanzfusionen: Neue Ballettstruktur

8. Juli 2005, 12:08
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Renato Zanella geht, Gyula Harangozó kommt

Wien - Mit der Saisonabschlussgala des Wiener Staatsopernballetts ist nun die von viel Wind aus Richtung Wörthersee umblasene Amtszeit von Langzeitdirektor Renato Zanella zu Ende. Auch an der Volksoper verabschiedet sich der Leiter der hauseigenen Tanzcompagnie, Giorgio Madia. Das Wiener Ballett sieht also ab sofort einer neuen Zukunft entgegen. Neuer Direktor eines zusammengelegten "Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper" ist Gyula Harangozó (49) - bis dato Leiter des Ungarischen Nationalballetts in Budapest.

In der Wiener Ballettlandschaft, darüber lässt der ehemalige 1. Solist an der Staatsoper (1985-1991), der seine Tanzkarriere verletzungsbedingt abbrechen musste, keinen Zweifel, wird künftig ein etwas anderes Lüftchen wehen. Harangozó hat keine Ambitionen als Choreograf, dafür aber reichlich Erfahrungen als Manager, Impresario und (seit 1996) als Ballettadministrator, der seine Compagnie an der Budapester Oper reformierte und professionalisierte.

Die Abschaffung des Rangs der 1. Solisten und einige spektakuläre Pensionierungen im Staatsopernballett sorgten bereits im Frühjahr für einige Diskussionen in Wien. Zu Harangozós Neuengagements gehören aber immerhin die beachtenswerte Tänzerin Irina Tsymbal aus der Budapester Compagnie, die preisgekrönte 1. Solistin des Imperial Russian Ballet Aliya Tanikpaeva und die Mariinsky-Ballerina Maria Iakovleva.

Da die neue Direktion nicht mit einem Starchoreografen aufwarten kann und Harangozó - ideal für Wien - ein eher konservativer Hauch umgibt, wird die Qualität der neuen Truppe das A und O der kommenden Jahre sein. Harangozó zu seinem Einstand: "Ich höre immer, dass Herr Holender das Ballett nicht mag. Er hat sein Interesse an mir deponiert. Denkt man logisch, muss er daran interessiert sein, dass ich Erfolg habe."

Als Kaufmann und Veranstalter habe er gelernt, "Leuten zu dienen". Er habe keinen Druck, sich - wie Zanella und Madia - als Künstler beweisen zu müssen. "Ich bin vollkommen zufrieden, wenn ich mich durch die Leistung der Company beweisen kann." Sein künstlerisches Credo: "Was ich nicht sehr mag, ist L'art pour l'art. Tanz ist eine Sprache, die ich verwende, um Werte, Meinungen oder Geschichten zu übermitteln - auch mit modernen Mitteln."

Die kommende Saison in der Staatsoper beginnt mit dem dieses Frühjahr frisch vorgestellten Diaghilew-Abend, gefolgt von Tschernischowas Giselle, Zanellas Nußknacker und Neumeiers Shakespeare-Adaption von Wie es euch gefällt. Die erste Premiere findet mit Coppélia im Jänner 2006 statt. Der Frühling wird mit Nurejews Schwanensee eingetanzt. Im April folgt dann als weitere Premiere John Crankos Fassung von Onegin (Musik von Tschaikowsky), und zum Saisonabschluss Dornröschen.

In der Volksoper gibt es, nach einem Wiedersehen mit Madias Alice@Wunderland als Premiere im November Tschaikowski Impressionen in der Choreografie des Italieners Ivan Cavallari. Im Frühling 2006 wird der mehrteilige Abend Nicht nur Mozart gezeigt, mit zwei prominenten Arbeiten von Jirí Kylián, dem Stück Mokka zur Musik von Paolo Conte von Myriam Naisy und Tabula Rasa des ungarischen Jungchoreografen András Lukács.

Alles in allem eine nette Melange zwischen Romantik, Neoklassik und Moderne, sicher auch eine Übergangssaison als Gewöhnungstherapie für Wiens Ballettfreunde.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1.7.2005)

Von Helmut Ploebst
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