Geschichte in Gesichtern

8. Juli 2005, 12:19
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"Portrait im Aufbruch. Photographie in Deutschland und Österreich 1900-1938" - eine gelungene Albertina-Ausstellung

Eine sehr gelungene Fotoausstellung in der Wiener Albertina präsentiert historische Lichtbildporträts österreichischer und deutscher Fotografen und Fotografinnen aus der Zeit des Fin de Siècle bis hin zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.


Wien - Was Harry Graf Kessler, ein deutscher Bankierssohn, 1906 wirklich im Sinn gehabt hat, ist angesichts der Porträtaufnahme des berühmten deutschen Fotografen Hugo Erfurth nicht wirklich zu erahnen. Zigarette rauchend und nachdenklich ins Nirgendwo blickend, erzählt die souveräne Haltung von Kessler aber dennoch sehr viel von dem erstarkten Selbstverständnis des Bürgertums, das die Ausstellung Portrait im Aufbruch. Photographie in Deutschland und Österreich 1900-1938 fokussiert.

Neben bekannten Schriftstellern und Malern wie Marc Chagall, Max Beckmann, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka, Max Liebermann, Paul Klee oder Otto Dix gehörten auch Politiker wie August Bebel und andere Mitglieder der finanzkräftigeren Gesellschaft wie eben auch Harry Graf Kessler zu den Auftraggebern der Fotoateliers, die zu der Zeit in sämtlichen kulturellen Zentren in Deutschland und Österreich entstanden.

In Wien führte die als Madame dÓra bekannt gewordene Fotografin Dora Kallmus gemeinsam mit dem deutschen Fotografen Arthur Benda ab 1907 ein Atelier, in dem sie Hautevolee der Wiener Gesellschaft porträtierte.

Neben den Porträtaufnahmen von bekannten Fotografen wie Hugo Erfurth oder Nicola Perscheid veranschaulichen in der Ausstellung auch ihre Porträts von Gustav Klimt oder Arthur Schnitzler, dass die Menschen um die Jahrhundertwende mit sich und der Welt noch ziemlich zufrieden waren.

Allerdings wird in der in acht Kapitel eingeteilten Schau auch ziemlich rasch deutlich, dass sich diese Zufriedenheit angesichts der politischen Ereignisse rasch in Unsicherheit verkehrte. Auf der Suche nach dem "wahren Antlitz" der Zeit, in der die Menschen den Glauben an das für sie verbindliche Bild verloren hatten, entwickelten die Fotografen vollkommen neue Posen und Gesten, die mit den tradierten Darstellungen des in sich und in der Welt ruhenden Menschen brachen.

Neue Spontaneität

Gerade dadurch gewann das Medium aber auch an Ausdruckskraft: Eine neue Spontaneität, spielerische Accessoires, unterschiedliche Ausschnitte und Blickwinkel kennzeichnen die rund 200 Porträts, die zwischen 1900 und 1938 entstanden sind.

Besondere Bedeutung für einen Neubeginn der Fotografie und der Künste nach dem Ersten Weltkrieg im allgemeinen fiel der Gründung des Staatlichen Bauhauses in Weimar zu. In der Ausstellung erzählen Porträtaufnahmen von László Moholy-Nagy oder Josef Albers von den formalen Experimenten mit der Porträtfotografie, für die der Stummfilm zu einem wesentlichen Impulsgeber wurde.

Um den Modellen einen individuellen Ausdruck zu verleihen, begann Josef Albers in der Folge mit Reihenbildern zu experimentieren, der deutsche Fotograf Hermar Lerski benutzte verschiedene Lichteffekte, und die deutsche Fotografin YVA (Else Heuländer Simon) brach wiederum insofern mit diesen experimentelle Einstellungen, als sie die Schauspielerin Asta Nielsen von hinten porträtierte.

Ähnlich selbstbewusste und individuelle Ansätze verfolgten nach 1914 auch Fotografinnen wie Trude Fleischmann oder Gertrud Arndt. Während sie sich auf die adäquate Darstellung des geänderten Selbstverständnisses von Frauen konzentrierten, bemühte sich August Sander um eine umfassende Gesamtdarstellung der bestehenden Gesellschaftsordnung vom Bauern über den Stahlarbeiter bis hinauf zu den "höheren" Repräsentanten der Gesellschaft.

Ab der zweiten Hälfte der 1930er Jahre wurden seine Versuche, die fotografischen Bildnisse der sich wandelnden Gesellschaft anzupassen von den Nationalsozialisten verboten und vom "deutschen Volksgesicht" verdrängt. Die sehenswerte Ausstellung, die auch dieses dunkle Kapitel nicht unaufgearbeitet lässt, endet mit den "Selbstporträts" der Fotografinnen und Fotografen, die 1938 großteils zur Emigration gezwungen waren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2./3.7.2005)

Von Christa Benzer

"Porträt im Aufbruch. Photographie in Deutschland und Österreich 1900 - 1938", Albertina, Öffnungszeiten: tgl. 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr

Link

albertina.at

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Raoul Hausmann, porträtiert von August Sander

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