Lebensmüde, aber fröhlich

6. Juli 2005, 10:51
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Eine Musikrundschau zum immergrünen Thema eklektizistisches Songwriting

THE TEARS
Here Come The Tears
(V2/Edel)
In den frühen 90er-Jahren galten Suede nach dem Rave-Pop von Happy Mondays oder The Stone Roses neben Blur, Oasis oder The Verve als große Hoffnungsträger eines damals wieder erstarkenden Britpop der klassischen Schule. Und deren Songwriterteam Brett Anderson (Gesang) und Bernard Butler (Gitarre) wurde damals gar auf eine Stufe mit Lennon/McCartney oder Morrissey/Johnny Marr gestellt. Nach heftigem Streit und jahrelanger Funkstille hat man sich nun wieder zusammengerauft und präsentiert auf Here Come The Tears herrlich unzeitgemäßen, weil schwelgerischen, theatralischen, zart weinerlichen, klassizistischen, verzweifelten und dekadent aufgeblasenen Sterbender-Schwan- und Beautiful-Losers-Pop. Der bezieht sich noch immer auf das frühe Koordinatensystem eines David Bowie in seiner Ziggy-Stardust-Phase. Diese 12 Songs hätten genau so auch 1994 produziert werden können. Und das ist nicht negativ gemeint!

THE DECEMBERISTS
Present "Picaresque"
(Kill Rock Stars/Trost)
Der durch die Nase quäkende Colin Meloy und sein US-Quintett machen auf ihrem dritten Album nicht nur weiter Ernst mit der Beschwörung der christlichen Seefahrt. Stilistisch hält man sich irgendwo in der Mitte zwischen R.E.M. im Sinne von Losing My Religion oder den schwer unterschätzten britischen Melancholikern Belle And Sebastian an wuchtigen, bestimmten und vorwärts preschenden Folk-Pop, der mit Bläsersatz durchaus auch einmal das Breitwandformat verträgt. Wem heimliche Hits wie The Infanta, The Sporting Life oder 16 Military Wives nicht sofort unter die Haut gehen, der ist für den Pop rettungslos verloren. Ein Album des Jahres!

HANNE HUKKELBERG
Little Things
(Leaf/Soul Seduction)
Die 26-jährige norwegische Künstlerin bezaubert auf diesem Debüt mit einer in dieser Form neuen Mischung aus Spielzeug-Sounds, elektronischer Avantgarde, fröhlich-naiven Jazz-Verweisen, haspeligen, aber sanften Break-Beats und einem Songwriting, das mitunter an Joni Mitchell erinnert. Dazu passend kiekst und haucht Hukkelberg als Billie Holiday aus der Augsburger Puppenkiste herzige Texte wie: "My chest's like a cage full of butterflies - it tickles." Sehr charmant!

SEXSMITH & KERR
Destination Unknown
(V2/Edel)
Der großartig trübsinnige und von Kollegen wie Elvis Costello hochverehrte kanadische Songwriter Ron Sexsmith schafft es auf Folkrock-Basis immer wieder, wunderbar melodiöse Lieder nicht nur textlich, sondern auch mit seiner brüchigen und kippenden Jammerlappenstimme nach unten zu ziehen. Dorthin, wo sich der Herzschmerz eingenistet hat und uns die Luft zum Atmen nimmt. Zuletzt geschehen auf dem grandiosen Retriever. Dieses Mal hat sich Sexsmith mit seinem langjährigen Begleiter Don Kerr zusammengetan, um eine für seine Verhältnisse nachgerade fröhliche Arbeit zu veröffentlichen. Diese steht zwar weiterhin ganz im Zeichen von gescheiterten Lieben und einem im Song Raindrops In My Coffee hinlänglich beschriebenen Lebensgefühl der Unzulänglichkeit. Allerdings hebt sich die Stimmung im Vergleich zu Sexsmiths Soloarbeiten dank eines den Everly Brothers geschuldeten Harmoniegesangs doch beträchtlich. Gemütlich schmerzvolle Songs für verregnete Sommer.

STUART A. STAPLES
Lucky Dog Recordings 03 - 04 (Beggars Banquet/Edel) Wem die letzten Alben der elegant lebensmüden Tindersticks aus London zu fröhlich waren: Deren Grundelkaiser Stuart A. Staples veröffentlicht jetzt ein ebenso verhaltenes wie zu Tode betrübtes Soloalbum, auf dem er die alten Qualitäten wieder hochhält. Mit Gästen wie Yann Thiersen geht es mit Beserlschlagzeug, Kontrabass, Akustikgitarre, Piano und einem Bläsersatz dorthin, wo Thanatos wohnt und Texte wie She Don't Have To Be Good To Me oder Dark Days entstehen. Solch großartige wie schwere Balladen würden auch einem Nick Cave gut zu Gesicht stehen. Im Herbst soll von Staples übrigens ein weiteres, mit Kurt Wagner von Lambchop eingespieltes Album erscheinen. schach []

  • THE TEARS Here Come The Tears  (V2/Edel)
    foto: edel

    THE TEARS
    Here Come The Tears
    (V2/Edel)

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