9 1/2 Wochen

7. Juli 2005, 23:53
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... und Zahlenmystik. Was, frag ich mich, haben diese Lehrer vor?

9 1/2 Wochen. Neuneinhalb Wochen. Vom 1. Juli bis zum 7. September. Was, frag ich mich, haben diese Lehrer vor? Warum gerade 9 1/2 Wochen Sommerferien? Warum nicht 10? Oder 12? So wie man die Schulbehörden kennt, hätten sie locker 14 Wochen rausschlagen können - niemand hätte etwas dagegen unternehmen können, und wenn es 16 Wochen gewesen wären, hätte sich auch kein nennenswerter Protest formiert.

Weshalb nun, frage ich mich weiter, diese unglaubliche Bescheidenheit, dieser heroische Verzicht des gesamten Wiener Lehrkörpers - die selbst auferlegte Beschränkung auf lausige, erbärmliche, um nicht zu sagen läppische 9 1/2 Wochen? Ich hab mich mit Zahlenmystik beschäftigt und auf google.com den Film "9 1/2 Wochen" gefunden. Er handelt von einer Englisch-Lehrerin, die einem supercoolen, leicht sadistischen Werklehrer verfällt, eine Amour fou wie aus dem Schulbuch. Sie vergisst immer ihren Regenschirm, wenn in strömendem Regen geschmust wird, und alles sieht ungemein leidenschaftlich aus, weil klatschnass und im blauweißen Gegenlicht. Regnet es vielleicht deshalb so oft in den Sommerferien, weil die Lehrer das bestellt haben und ihnen keiner ernsthaft einen Wunsch abschlagen kann? Nach 9 1/2 Wochen kehrt zum Glück Frieden, Alltag und Routine wieder ein.

Ich hab weitergegoogelt, M. Rourke und K. Basinger waren ja bloß ein Remake gewesen, das Original "66 1/2 Tage" entstand 1952 mit Theo Lingen und Hans Moser. Gibt's nur in ausgewählten Videotheken und dort nur unter dem Videothekstisch, das ist nämlich die Geschichte, wo ein Mittelschuldirektor einem Hausmeister verfällt. Fellinis "Nove e Mezzo" mit M. Mastroiani und C.Cardinale, ein fast nur in der Toskana aufgeführtes Werk, dramatisierte die skandalöse Besessenheit eines desillusionierten Deutschprofessors, der einer gewissenlosen Chemielehrerin verfällt. Ich persönlich bin heilfroh, dass es diese Filme gibt und auch, dass der Film "9 1/ 2 Monate" ein Flop war. Der Streifen handelt von einem Französischlehrer (G. Depardieu), der einer Altgriechisch-Lehrerin (Penelope C.) verfällt, aber weil sie darauf besteht, ihm nächtens Platon im Original vorzulesen, bevor er seine Französisch-Einlagen bringen darf, dauert der Film so lange, und eigentlich ist es auch keine Amour fou, sondern sie heiraten, weil die Schuldirektorin auf geordneten Verhältnissen besteht.

Also, dass 9 1/2 Monate kein Erfolg wurde, dazu können die Wiener Eltern sich insgeheim nur beglückwünschen. Nun wünsche ich allen Lehrerinnen und Lehrern wunderbare Ferien. Danke für alles und passen Sie bitte gut auf sich auf.

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/01/07/2005)

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