Jubelfest eines Sorgenkindes

1. Juli 2005, 21:17
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Exklave Kaliningrad feiert den 750. Geburtstag - Russland wollte das Gebiet zum "Hongkong" des Landes machen

Kaliningrad/Moskau - Es gibt keine Geschichte von Adam bis Potsdam, hatte man über die Lehrbücher der Sowjetzeit gescherzt. Die Ideologie wollte manches vergessen machen. So etwa, dass Königsberg vor 750 Jahren durch den Deutschen Orden gegründet worden ist. Umso höher hielt man das Datum, dass Stadt und Umland (halb so groß wie Belgien) 1945 zu einem militärischen Vorposten der Sowjets und von russischer Bevölkerung besiedelt sowie 1946 nach Michail Kalinin, bis zu seinem Tod 1946 nominelles Oberhaupt der UdSSR, umbenannt wurde. Ewiggestrige hätten daher lieber das Jubiläum der Umbenennung gefeiert. Die russische Staatsführung machte den Spagat und feiert am Wochenende den 750. Geburtstag - nicht von Königsberg wohlgemerkt, sondern von Kaliningrad.

Innerrussisches Ereignis

Ein diplomatischer Eklat wirft einen Schatten auf das Ereignis. Polens Staatspräsident Alexander Kwasniewski äußerte seinen Unmut, dass die beiden Nachbarstaaten der russischen Exklave, nämlich Polen und Litauen, nicht eingeladen sind. Es sei "vor allem ein innerrussisches Ereignis", konterte Russlands Außenminister Sergej Lawrow.

Das könnte man auch anders sehen, schließlich sind Polen und Litauen die größten Investoren in dem wirtschaftlich rückständigen Landstrich und haben seit ihrem EU-Beitritt auch den Transit zwischen Kaliningrad und dem russischen Mutterland mittels "vereinfachten Transitdokuments" zu administrieren. Russland sieht es auf seine Weise wieder anders und hat Frankreichs Präsidenten Jacques Chirac und den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder eingeladen - nicht zum Fest, heißt es, sondern im Rahmen des Festes zum traditionellen "Troika"-Treffen.

Der größte Sohn der Stadt - Immanuel Kant

Eine reiche Geschichte hat die Stadt an der Ostsee seit ihrer Gründung 1255 durchlebt: Der Deutsche Orden residierte hier, die Hanse trieb von hier aus Handel, als Hauptstadt Ostpreußens mutierte sie zur Krönungsstadt des preußischen Königs, und der größte Sohn der Stadt, Immanuel Kant, machte sie zu einem geistigen Zentrum; zeitlebens hat er sie so gut wie nicht verlassen: "Denken kann ich auch in Königsberg", soll er gesagt haben.

Kants 200. Todestag im Vorjahr hätte man besser vermarkten können. Immerhin wird am Sonntag die Kaliningrader Universität nach Kant benannt. Nach dem Krieg musste das historische Stadtzentrum einem kommunistischen Architekturmodell weichen. Und Kants Grab entkam dem Zerstörungswahn nur, weil er als Vordenker des Marxismus ideologisch verwertbar schien. Das rettete auch den Dom, an den der Sarkophag angebaut ist.

Der Zweite Weltkrieg und die Sowjetzeit haben der Stadt schwer zugesetzt. Vor dem Jubiläum wurden Dutzende Millionen Euro in die Restauration investiert, es reicht freilich nur für die Fassaden an den großen Straßen, den Siegesplatz und Denkmäler.

"Hongkong" des Landes

Russland wollte das Gebiet zum "Hongkong" des Landes machen und hat es in eine Sonderwirtschaftszone mit zollfreiem Import für Produzenten verwandelt. Aber noch ist Kaliningrad, das 90 Prozent der weltweiten Bernsteinvorkommen birgt, ärmer als Russland selbst, in schwerer Korruption und in halbkriminellem Business - etwa Benzin-und Zigarettenschmuggel - gefangen. Mindestens 30 Prozent der knappen Million Einwohner im ganzen Gebiet leben unter der Armutsgrenze. Und die Bande zum Mutterland sind im Laufe der Generationen abgeschwächt: 70 Prozent der Bewohner unter 25 Jahren waren noch nie in Russland. (Eduard Steiner, DER STANDARD Printausgabe 30.6.2005)

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