"Sonst explodiert das System"

12. Juli 2005, 14:50
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Eine "Renationalisierung" der EU-Agrar­subven­tionen würde diese aus dem Schussfeld nehmen, meint Franz Fischler - Im Gegenzug wäre eine einheitliche Forschungsförderung zielführend

Wien - "Landwirtschaft", analysiert Exagrarkommissar Franz Fischler angesichts der laufenden EU-Budgetdebatten, wird "immer etwas kosten und in Europa noch für lange Zeit eine soziale Komponente" haben.

Sein Beispiel: Elf Millionen europäischer Bauern produzieren etwa gleich viel wie zwei Millionen US-Farmer. "Stellt man die Agrarförderungen in Europa infrage, hat man schnell fünf Millionen Arbeitslose", was wegen der Überalterung des Bauernstandes ein besonders großes Prob^lem wäre.

EU-weiter Konsens

Doch bestünde in Europa weiterhin Konsens, die Aufrechterhaltung der Kulturlandschaft mit den positiven Nebeneffekten auf den Tourismus und für eine Grundversorgung in Europa, die Landwirtschaft zu unterstützen.

Allerdings, meint Fischler, wäre dies mit einer Rückführung von der gemeinsamen auf eine nationale Agrarpolitik zu bewerkstelligen: "Es würde Sinn machen, einen Teil der Mittel aus dem Agrargemeinschaftstopf raus zu nehmen, die Regeln für die Landwirtschaftssubventionen aber weitgehend in Brüssel zu belassen."

Ganz anders seine Vorstellungen im Bereich Forschung und Entwicklung (F & E). Um in diesem Bereich Nachteile gegenüber etwa den USA auszugleichen, sollten nationale Mittel zu einer gemeinsamen F-&-E-Politik gebündelt werden, "um so mehr Effizienz zu erreichen".

Gegenrechnung

Den anlässlich der EU-Haushaltsdebatten für 2007 bis 2013 derzeit laut gewordenen Vorwurf, die Agrarmittel würden zulasten der Forschungsförderung gehen, lässt er nicht gelten. Rund zwei Prozent der gemeinsamen Nationaleinkommen fließen in F & E; für Landwirtschaft seien es nur 0,6 Prozent (EU plus nationale Mittel.)

Trotzdem würden auf die Bauern weiter schwierige Zeiten zukommen, da im Rahmen internationaler Abkommen Europa den ärmsten Ländern (LDCs, Least Developed Countries), die Möglichkeit eingeräumt hat, "alles, was sie produzieren, ohne Begrenzung nach Europa zu liefern". Mit Einschleifphasen für diese Regelungen könne es also zu ähnlichen Entwicklungen wie beim Zucker kommen.

Notwendige Zuckermarktreform

Schon deshalb sei die Zuckermarktreform notwendig gewesen. "Da musste es zu radikalen Einschnitten kommen", sagt Fischler und rechnet vor: 20 Mio. Tonnen produziert Europa im Jahr, davon vier Mio. über Bedarf. 1,4 Mio. Tonnen kommen bereits über diverse Sonderverträge der EU mit AKP-Staaten (Afrika, Karibik, Pazifik) herein, mindestens sechs Millionen sind über die LDC-Verträge zu erwarten. "Wenn man da nichts macht, explodiert das System."

Hinter den Reformbemühungen stünden allerdings fundamentale Fragen, meint Fischler: "Wenn man die EU-Landwirtschaft dazu zwingt, sich in Konkurrenz zum Rest der Welt zu stellen, dann steht der Bauer auf verlorenem Posten."

So sei ein "Zuckerrohranbau, gemessen am Output, immer ökonomischer als ein Rübenanbau. Und dann würde auch die vergleichsweise kleinteilige europäische Landwirtschaft nicht gegen Großbetriebe reüssieren können. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.06.2005)

  • Ex-Agrarkommissar und Neo-Universitätslektor Franz Fischler.
    foto: der standard/matthias cremer

    Ex-Agrarkommissar und Neo-Universitätslektor Franz Fischler.

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