Ohne Abwertung des Dollar droht globale Krise

12. Juli 2005, 15:03
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Der Dollar muss wegen der Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft gegenüber dem Euro und dem chinesischen Yuan wieder fallen, sagt der prominente US-Ökonom Barry Eichengreen

Wien - "Der Dollar steigt wieder genauso wie das US-Leistungsbilanzdefizit. Dieser Zustand ist unhaltbar", warnte der amerikanische Ökonom Barry Eichengreen, einer der führenden Experten für internationale Währungspolitik, am Mittwoch vor Journalisten in Wien.

Das Defizit von mehr als fünf Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts müsse in den kommenden Jahren um die Hälfte schrumpfen, damit wieder ein Gleichgewicht in die Weltwirtschaft einkehre, meinte Eichengreen, der an der University of California in Berkeley lehrt. Dies ließe sich am besten durch eine 20-prozentige Dollarabwertung erzielen: "Zehn Prozent jetzt, zehn Prozent etwas später."

In einem idealen Szenario würde sich der Dollar um 15 Prozent gegen die asiatischen Währungen, vor allem den chinesischen Yuan, und nur um fünf Prozent gegen den Euro abschwächen. Dank einer Aufwertung gegenüber den Asiaten "hätte Europa etwas Schutz", sagte Eichengreen,

"Soft landing" oder dramatischer Absturz

Sollte dieses "soft landing" nicht gelingen, dann droht ein dramatischer Absturz der US-Währung. Denn ausländische Investoren würden das Defizit nicht immer finanzieren.

Dies aber würde die Inflation anfachen, weshalb die US-Notenbank Federal Reserve ihre Zinsen erhöhen müsste - mit katastrophalen Folgen für den Immobilienmarkt, den privaten Verbrauch und die gesamte US-Konjunktur. "Und wenn die USA nicht wachsen, dann fällt einer der beiden Motoren der Weltwirtschaft aus." Das könnte eine globale Wirtschaftskrise auslösen.

Der andere Motor, China, habe wiederum das Problem der steigenden Inflation und drohenden Überhitzung. Deshalb glaubt Eichengreen, dass die Chinesen die Bindung ihres Yuan an den Dollar früher oder später aufgeben werden.

"Das jetzige Wechselkursniveau ist im Interesse Chinas. Aber wenn der Dollar fällt, dann müsste auch der Yuan fallen, und das wäre für die chinesische Wirtschaft nicht mehr vorteilhaft."

Wem China nützt

Das chinesische Exportwunder hat nach Eichengreens Einschätzung unterschiedliche Auswirkungen auf verschiedene Länder. "In Asien profitieren die reicheren Industriestaaten wie Japan, Singapur oder Südkorea, weil sie mehr Kapitalgüter verkaufen können. Die ärmeren Entwicklungsländer aber leiden."

Auch in Europa zeige sich diese Spaltung: Deutschland mit seiner starken Kapitalgüterindustrie profitiere von China, Italien mit seiner Abhängigkeit von Konsumgütern, vor allem im Textilsektor, "wird durch China jedoch nicht glücklich".

Die Rolle des Dollar als internationale Währung werde auf jeden Fall schrumpfen, da die Eurozone heute genauso tiefe und liquide Kapitalmärkte zu bieten habe wie die USA, meint Eichengreen.

Die Übermacht des Dollar sei eine historische Anormalität des 20. Jahrhunderts, die Stabilität des Euro sei trotz der jüngsten Vertrauenskrise in der EU nicht gefährdet. (ef, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.06.2005)

  • US-Ökonom Barry Eichengreen.
    foto: der standard/christian fischer

    US-Ökonom Barry Eichengreen.

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