"Wenn man selbst gibt, kommt viel zurück"

16. März 2006, 12:23
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Geschichte verarbeiten, Alltag versüßen: Jung und Alt übten den Erfahrungsaustausch im Spital und bauten dabei Berührungs­ängste ab

"Auch die Alten haben Ressentiments gegenüber den Jungen", meint Christine Molin, Schulärztin und Lehrerin an der HBLA Strassergasse. Sensibilität wecken und Berührungsängste nehmen soll deshalb das Projekt Lebenskreis sowohl bei den Schülern des Aufbaulehrganges mit Schwerpunkt Sozialverwaltung als auch bei den Patienten der Kurzzeitpflegestation des Otto-Wagner-Spitals.

"Das Animationsprogramm der Schüler soll die Lebensqualität unserer Patienten verbessern", erklärt Primarius Helfried Feist.

Vor dem ersten Besuch wurden die Schüler mit den Themen Werthaltung und Altern sowie mit der sozialen Komponente konfrontiert. Sechs Projektgruppen wurden gebildet - mit unterschiedlichen Aufgaben, Namen und Logos.

"Zu Beginn war viel Motivation nötig, die älteren Menschen haben sich wenig zugetraut", erzählt Bettina Dintel (18), die gemeinsam mit 35 anderen Schülern das Spital seit Februar wöchentlich besuchte. Mit Obstsalat, Basteleien und Kartenspielen versüßte ihre Gruppe dort den Alltag. "Wenn man selbst gibt, kommt viel zurück", beschreibt sie die Reaktionen der neuen Bekannten.

Ernster ging es in der Projektgruppe Sonnenblume zu, die sich mit den Erfahrungen der Patienten in und nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte. "In Gesprächen versuchten wir zu verstehen, wie sie in unserem Alter gelebt haben, und wollten gemeinsam das Erlebte verarbeiten", sagt Stephan Simek (20). Er erfuhr, dass einer der Patienten als Soldat in Kriegsgefangenschaft genommen wurde. Um dem damals Unwissenden die schrecklichen Taten der Nationalsozialisten bewusst zu machen, wurde er von den Alliierten in ein Konzentrationslager gebracht, um dort eine Nacht zu verbringen. "Mich hat besonders berührt, dass er den Geruch des KZs bis heute nicht aus der Nase kriegt", meint Stephan.

Barrieren im Alltag erfuhr Tamara Widermann (19) im Umgang mit den Patienten: "Wir haben Spaziergänge gemacht, was mit den Rollstühlen nicht immer einfach war." Es sei wichtig gewesen, die Bedürfnisse jedes Einzelnen herauszufinden und sich ihnen anzupassen. Auch ein Video wurde gedreht und soll Einblick in das Leben im Krankenhaus schaffen. Positiv resümiert Stephan: "Ich weiß jetzt besser, wie ich mit alten Menschen umgehen muss." (DER STANDARD-Prinatausgabe, 29.6.2005)

Von Anna Maria Nics
  • Positives Resümee: "Ich weiß jetzt besser, wie ich mit alten Menschen umgehen muss."
    foto:privat

    Positives Resümee: "Ich weiß jetzt besser, wie ich mit alten Menschen umgehen muss."

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