Nachgestellt - Von RAU

5. Juli 2005, 13:00
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Es scheint eine unausgesprochene Konvention unter den History-Fans zu geben: Wo noch mit Vorderladern geschossen wurde, okay, Massensterben des 20. Jahrhunderts, nein.

Waterloo wird nachgestellt. Austerlitz wird nachgestellt. Die großen Schlachten des amerikanischen Bürgerkriegs werden nachgestellt. Verdun und Stalingrad werden nicht nachgestellt. Es scheint eine unausgesprochene Konvention unter den History-Fans zu sein, die in bunten Uniformen auf historischen Schlachtfeldern herummarschieren, mit Säbeln fuchteln und sich in Pulverdampfschwaden hüllen: Wo noch mit Vorderladern geschossen wurde, okay, Massensterben des 20. Jahrhunderts, nein. Dabei waren die großen Gemetzel etwa der napoleonischen Kriege kaum weniger schauerlich: Die britischen Füsiliere bei Waterloo standen stundenlang aufrecht, während die französischen Kanonenkugeln durch ihre Reihen pflügten.

Die Preußen machten die fliehenden Franzosen unbarmherzig nieder. Seltsam, dass das eher für historische Spektakel geeignet sein soll. Nun wird also die Seeschlacht von Trafalgar 1805 nachgestellt, bei der die Briten die napoleonische Flotte vernichteten. Das Leben auf einem Kriegsschiff damals war auch ohne Schlacht die Hölle ("Die Traditionen der Royal Navy sind Rum, Sodomie und die neunschwänzige Katze", sagte Churchill). Das will aber niemand als Multi-Media-Show sehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.06.2005)

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