Politisch korrekte Seeschlacht

5. Juli 2005, 13:00
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Die Briten feiern den 200. Jahrestag der Schlacht von Trafalgar mit nachgestelltem Gefecht zur See - Mit RAU-Kolumne

Die Briten feiern den 200. Jahrestag der Schlacht von Trafalgar - mit nachgestelltem Gefecht zur See, aber weniger nationalistisch eifrig, als sich das speziell die Verehrer des Nationalhelden Lord Horatio Nelson wünschen.

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Auffallend zierlich, zu einem schmächtigen Menschen gehörend, wirkt der marineblaue Uniformrock des Vizeadmirals Horatio Nelson, ausgestellt im National Maritime Museum zu Greenwich. Das Berühmteste daran aber ist ein Loch, oben links, kaum größer als eine Haselnuss.

Dieses Loch riss die Kugel eines französischen Scharfschützen, als sie sich in die Schulter des Leichtgewichts bohrte. Man schrieb den 21. Oktober 1805. Der tragische Held, auf seinem Flaggschiff "Victory" tödlich verwundet, erfuhr noch, dass er sie gewinnen würde, die wichtigste Seeschlacht seines Lebens, ein erbittertes Duell gegen die vereinte Armada Spaniens und Frankreichs.

Vorgezogene Feier

Nach dieser Niederlage am Kap Trafalgar verging Napoleon der Appetit auf die Eroberung der Britischen Inseln, der Mann, der Bonaparte Einhalt gebot, ging als ruhmreichster Heroe aller Zeiten in die Chronik des Vereinigten Königreichs ein.

Zwei Jahrhunderte später, ein paar Monate vorgezogen, wird der Jahrestag des Gefechts mit viel Pomp und Gaudi begangen; nicht am Originalschauplatz, sondern vor der Küste von Portsmouth. Im Oktober ist es zu nass und stürmisch, deshalb stieg die Feier bereits im Juni. Ihren Höhepunkt bildete am Dienstag eine abendliche Nachbildung des Kampfs, ein Spektakel mit 17 Windjammern aus fünf Nationen und zehn Tonnen Schießpulver. Nelson kontra Napoleon.

Autoren der meist nationalistischen britischen Boulevardblätter nutzten dies als Chance, den Erzrivalen Frankreich daran zu erinnern, wie er einst - laut Daily Mail - "zermalmt" wurde. Umso schmollender bedauern sie, dass die Schiffe nicht unter echter Flagge (Union Jack gegen Tricolore) aufkreuzen. Stattdessen duelliert sich eine blaue mit einer roten Flotte; politisch so korrekt, dass Nelsons Urenkelin Anna Tribe pikiert die Nase rümpft: "Lächerlich, diese Verrenkungen."

"Es wäre grotesk, hier chauvinistische Töne anzuschlagen", entgegnet der Historiker Adam Nicolson. "Im Augenblick des Konflikts hatten beide Seiten enormen Respekt voreinander." Vor der Südwestküste Spaniens hätten ja praktisch die Vereinten Nationen gekämpft und gelitten, viel bunter zusammengewürfelt, als es sich die hurra-patriotischen Kleingeister überhaupt träumen ließen.

So dienten auf Nelsons Schiffen neben Engländern, Walisern, Iren und Schotten auch 430 Matrosen aus Nordamerika, 156 Mann aus der Karibik und - 58 Franzosen. Von den 18.000, die für "King and Country" ihr Leben riskierten, stammten nur 7000 aus England.

Eine nüchterne Zahl, die schnell untergeht im Admiralsrummel, wie ihn vor allem der englische Teil der Insel dieser Tage wieder erlebt. Von Teetassen bis zu Spielkarten scheint es nichts zu geben, was sich nicht bedrucken ließe mit dem Bild des Draufgängers, der im Kanonendonner vor Korsika auf einem Auge erblindete und später vor Teneriffa einen Arm verlor.

Geliebte Horatia

Und dann ist da noch der besondere Dreh, dem die Heldenstory ihre romantische, faszinierende Note verdankt: Emma Hamilton. Sie war die Ehefrau William Hamiltons, des britischen Konsuls in Neapel, als Nelson ihrem Charme erlag. Die Liebenden zogen zusammen und hatten heimlich ein Kind, eine Tochter namens Horatia, von ihrem Vater abgöttisch verehrt.

Nun kommt ein verschollener Liebesbrief ins Museum, Lady Hamiltons letzte Zeilen an Nelson. "Du wirst sie (Horatia) sogar noch lieber haben, wenn du zurückkehrst." Als das Schreiben ankam, war der Adressat bereits tot. (Frank Herrmann/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.06.2005)

Von Frank Herrmann aus London

Kolumne
Nachgestellt - Von RAU

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    Von der heutigen Marine wurden die Windjammer in Stellung gebracht, um zum 200. Jahrestag die historische Schlacht vor Trafalgar nachzustellen.

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