Die fröhlichen Immer-alles-Könner

5. Juli 2005, 21:42
posten

Das Intendantenkarussell knirscht

Wien - Als Intendanzgeschichten noch nicht dazu dienten, einschlägigen Erwerbsbiografien lediglich ein paar Fußnoten hinzuzufügen, waren die Neuübernahmen deutscher Stadttheater bis tief hinein in die 80er-Jahre von proklamationslustigen Wahnsinnsakten begleitet. Keine frisch angeworbene Leitungsmannschaft, die nicht ihr kulturpolitisches, "gesellschaftskritisches" Wähnen und Fühlen in Sentenzen von umumstößlicher Fortschrittsgewissheit gegossen hätte.

Stadttheater, die in solchen grafitschwarzen Zeiten auf ihre kulturelle Sendung hielten - gerade auch solche in Darmstadt und Naumburg-Lippe -, setzten nicht bloß den Tasso oder die Iphigenie auf ihre Spielpläne. Es musste schon die "Indienstnahme der Intellektuellen durch das Monopolkapital" verhandelt werden, wenn der jugendliche Liebhaber einer abgewrackten Provinzbühne als junger Rudi Dutschke alias Tasso vor den beiden Leonoren kniete.

Der zuständige Intendant konnte sich im Zweifelsfall problemlos mitgemeint fühlen. Er diente, im weich verfließenden Theaterverwirrungsjargon, entweder als Ermöglicher oder Menschenfischer (Kurt Hübner in Bremen). Als Genie der Überforderung kommunaler Einrichtungen (Peter Zadek in Bochum oder Hamburg). Als verquerer Wissenschafter mit weit in das Soziale hinausgreifendem Erkundungsehrgeiz (Günther Rühle in Frankfurt). Oder eben als Modernisierer von kameralistisch erstarrten Strukturen (Claus Peymann an der Wiener Burg). Das gelegentlich Ärgerliche dieser immer auch anstößigen Selbstermächtigungen ist in der leeren Mitte des ersten Jahrtausend-Jahrzehnts einem Betriebsernst gewichen, der das gesamtgesellschaftliche Haftungsgefühl für die theatralische Institutionspflege endgültig im irdenen Töpfchen der persönlichen Erwerbslebens entsorgt.

Matthias Hartmann (42), ein beispiellos smarter Regie-Intendant, der keinerlei Berührungsängste gegenüber spaßgesellschaftlichen Freizeitangeboten verspürt, ist gerade vom Bochumer Schauspiel an das traditionsreiche Zürcher Schauspielhaus gewechselt. Schon schnattern die kapitolinischen Gänse seinen Namen, wenn an die Vakanz der Wiener Burg ab 1999 gedacht wird. Wohlgemerkt: Hartmann kann seine Umzugskisten am Zürcher See noch gar nicht ausgepackt haben.

Sein Nachfolger in Bochum ist mit Elmar Goerden (42) ein als "bedächtig" geschilderter Regisseur, der in etwa mit der gleichen beflissenen Klassikerpflege die Bildungsreste einer zerfallenden Gesellschaft zusammenkratzt.

Es könnte sich, mit mehr oder weniger Recht, auch um das Nationaltheater Mannheim handeln (wo noch Jens-Daniel Herzog, ein auf mittlerer Temperatur köchelnder Klassikeranwalt, amtiert), oder aber auch, so denkt man, um eine Leitungsstelle im kommunalen Fernwärmeamt irgendwo im Rheinländisch-Westfälischen.

Die Energiefirmen pumpen verlässlich Strom in die verarmenden Hartz-IV-Haushalte. Die Stadttheater produzieren ihren Faust, ihre Frau vom Meer (wegen der sinkenden Erwerbsquote bei den Alleinerzieherinnen) und ihren Macbeth. Immerhin könnten hinter der reflexionslosen Daseinsbejahung des Theaterbetriebs ja auch noch unabgegoltene Reste von Barbarei schlummern, die man vorsorglich bebildert. Während also auf Abonnentensitzungen immer noch der Schrecken vor dem "Regie-Theater" genährt wird, das doch nur der Befestigung von Marktwertmarken, also der potenziellen Intendanturfähigkeit gewesener Regieassistenten dient, planen und verwirklichen die Anfangsvierziger ihre Karrieren. Wie bei anderen Ich-Agenten auch, ist ihr segensreiches Wirken einer Fluktuation unterworfen, die am Theater nichts Spezielles oder gar Unverwechselbares mehr meint. Der Intendant von heute muss schon jetzt gewärtigen, spätestens morgen für die kommunale Zukunft einer anderen, beliebigen mittleren Großstadt einzustehen - ohne etwa Anstoß oder Befremden zu erregen. Der verdienstvolle Stuttgarter Intendant Friedrich Schirmer beginnt übrigens im Herbst am Hamburger Schauspielhaus. Sein Programmkatalog markiert so etwas wie die Ästhetik des Ankommens: mit Möwenschwärmen über dem Alster-Watt, mit Villenansichten vom Stadtteil Blankenese. Willkommen überall! (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 6. 2005)

Share if you care.