"Geschmacksdiktat" im Montafon

4. Juli 2005, 23:00
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Der Architekturstreit im Montafon entzweit die Regierungspartner. Die Hoteliersinitiative bekommt nun Unterstützung von den Freiheitlichen

Sie fordern eine Novelle des Baugesetzes


Bregenz - Montafoner Hoteliers beschweren sich über Sachverständige, die ihnen "Flachdächer und Kistenbauten aufzwingen". FP-Parteichef und Landesrat Dieter Egger will nun "ein Ende des Geschmacksdiktats". Es könne nicht angehen, dass nicht mehr Bauherren und ihre Planverfasser, sondern ein Sachverständiger des Landes über die Gestaltung eines Bauwerkes bestimme. Ganz wie die Initiative "Wir verlieren unsere Identität", eine Plattform aufgebrachter Gastronomen, sieht Egger "dringenden Handlungsbedarf" beim Regierungspartner ÖVP: "Es ist höchste Zeit, die Abhängigkeit von einzelnen Sachverständigen zu beenden." Bis Herbst soll die Regierung dem Landtag eine Novelle vorlegen, "die den Spielraum für Behördenwillkür einschränkt".

Die Montafoner Gemeinden haben - wie viele andere Kleingemeinden - die Zuständigkeit in gewerblichen Bauverfahren an die Bezirkshauptmannschaft abgegeben, weil es ihnen an fachlicher Kompetenz fehlt. Bei gewerblichen Bauten, dazu gehören auch Hotels, muss ein Raumplanungssachverständiger entscheiden, ob der Schutz von Orts- und Landschaftsbild gegeben ist. "Der spielt dann Architekt", kritisiert Egger. "Die spielen nicht, die haben die fachliche Ausbildung dafür", kontert Landesrat Manfred Rein (VP), in der Landesregierung für Wirtschaft und Raumplanung zuständig. "Ich kann doch einem Amtsarzt auch nicht sagen, er soll nicht Doktor spielen", ätzt Rein.

Im Montafon verhalte sich der Amtssachverständige "ungebührlich", kritisiert der Schrunser FP-Abgeordnete Siegfried Neyer. "Er bestimmt, was gut und schön ist." Landesrat Rein: "Es geht nicht darum, ob ein Objekt gut und schön ist, es geht darum, ob es passend ist." Ein Argument, das auch Landeskonservatorin Renate Madritsch unterstreicht: "Wichtig bei neuen Bauten in den Dörfern ist, dass die Maßstäblichkeit passt." Die Diskussion "auf die banale Frage Flachdach oder nicht" zu reduzieren greift aus Sicht der Denkmalschutz-Beauftragten zu kurz.

Gerade am Sinn für das Verträgliche fehle es manchen Gastronomen, bedauert Manfred Rein. Den Vorwurf der Behördenwillkür lässt er nicht gelten: "Ich fordere alle - auch die Freiheitlichen - auf, klare Fakten auf den Tisch zu legen." Die Diskussion nimmt Rein als Herausforderung an. "Wir werden jetzt gemeinsam mit dem Architekturinstitut eine Bestandsaufnahme machen, um herauszufinden, was an den Vorwürfen dran ist." Im Herbst sollen Veranstaltungen im Montafon folgen. Rein: "Wir wollen von der Emotion zur Sachlichkeit kommen." Den Beitrag der Freiheitlichen hält Rein "für eine überflüssige Polemik". (DER STANDARD, Printausgabe, 28.06.2005)

Von Jutta Berger
  • Selbstbewusstes Bauen: Das Hotel Silvrettahaus orientiert sich an Gebirge und Staumauer, nicht am Massengeschmack.
    foto: vorarlberg tourismus

    Selbstbewusstes Bauen: Das Hotel Silvrettahaus orientiert sich an Gebirge und Staumauer, nicht am Massengeschmack.

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