Ölpreisanstieg bringt EZB-Geldpolitik in Zwickmühle

7. Juli 2005, 14:35
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Der EZB-Rat habe keine Neigung, die Zinsen zu erhöhen oder zu senken

Basel/Frankfurt - Der Rekord-Ölpreis ist nach Einschätzung der Europäischen Zentralbank (EZB) sowohl ein Risiko für die Konjunktur als auch für die Preisstabilität. Mehrere Ratsmitglieder signalisierten deshalb erneut weiteres Abwarten in der Zinspolitik.

"Die Wachstumsaussichten für die Euro-Zone sind in den vergangenen Monaten weniger günstig geworden", sagte Irlands Notenbankchef John Hurley in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters am Rande der BIZ-Jahresversammlung am Montag in Basel.

Anhaltend hohe Ölpreise könnten einerseits das Wachstum bremsen, andererseits aber die Inflation anheizen, falls es zu Zweitrundeneffekten kommt. Der EZB-Rat müsse deshalb besonders wachsam bleiben.

Ähnlich äußerte sich EZB-Direktoriumsmitglied Jose-Manuel Gonzalez-Paramo. Sein Kollege Lorenzo Bini-Smaghi wies darauf hin, dass die reichliche Liquidität den unerwünschten Immobilienpreisanstieg verschärfen könnte.

Adäquater Leitzins

Der EZB-Rat habe keine Neigung, die Zinsen zu erhöhen oder zu senken, sagte Hurley und bezeichnete den geltenden Leitzins von zwei Prozent als adäquat. Luxemburgs Notenbankpräsident Yves Mersch sagte in einem Interview mit "Bloomberg": "Die Zinsen sind angemessen, und für die absehbare Zukunft sehe ich keine Hinweise, die mich von dieser Analyse abbringen würden."

Der EZB-Rat war im Juni von seiner früher bekundeten Absicht zu einer Zinserhöhung abgerückt und signalisiert seither eine neutrale geldpolitische Haltung.

An den Finanzmärkten hatten sich aber Spekulationen über eine Zinssenkung verstärkt, zumal es aus geldpolitischen Kreisen geheißen hatte, dies sei bei einer weiteren wirtschaftlichen Eintrübung möglich.

Verlust an Dynamik

Mit Blick auf die Konjunktur sagte Hurley: "Die Risiken sind auf der Abwärtsseite." Die Abschwächung bei Stimmungsumfragen und Industrieproduktion spiegele den Verlust an Dynamik wider. Anhaltend hohe Ölpreise seien ein Risiko für das Wachstum im Euro-Raum und weltweit.

Auf die Möglichkeit einer Zinssenkung angesprochen, sagte Hurley: "Ich möchte das nicht kommentieren, abgesehen davon, dass es keinen "Bias" gibt - weder nach oben noch nach unten." Es gebe im Rat keine Meinungsverschiedenheiten - beim jüngsten Treffen habe Konsens geherrscht, ergänzte er.

Auch das griechische EZB-Ratsmitglied Nicholas Garganas sagte in Basel, ein weiterer Ölpreisanstieg sei ein Grund zur Sorge. Die Weltwirtschaft habe den Preisschock seit 2001 bisher aber ohne ernste Folgen für Konjunktur und Preise verkraften können.

Mersch sagte Bloomberg zufolge, er sei "sehr offen" für alle Optionen in der Geldpolitik, so wie es die EZB immer sei. "Aber ich sehe eine Option noch immer klarer als andere." Das EZB-Ratsmitglied verwies auf das starke Geldmengenwachstum als Argument gegen niedrigere Zinsen.

Inflationsrisiko

Der Ölpreis sei in erster Linie ein Inflationsrisiko. "Je länger wir einen störenden Effekt der Ölpreise haben, um so höher ist die Wahrscheinlichkeit von indirekten Effekten." Hurley sagte, bisher habe es keine Zweitrundeneffekte vom hohen Ölpreis gegeben - "und es ist sehr wichtig, dass das so bleibt."

Gonzalez-Paramo führte neben dem Ölpreis preistreibende Impulse von Steuererhöhungen an, die es in der Vergangenheit gegeben habe. "Die Risiken sind auf der Aufwärtsseite", sagte er mit Blick auf die Teuerungsraten, die die EZB unter, aber nahe zwei Prozent halten will.

Die EZB-Ratsmitglieder äußerten die Zuversicht, dass sich die Konjunktur von der jüngsten Schwächephase wieder erholen wird. Ein Indiz dafür ist auch der Anstieg des deutschen Ifo-Geschäftsklimaindexes im Juni, nachdem sich das Wirtschaftsklima im Euro-Raum mehreren Umfragen zufolge verschlechterte hatte.

Hurley sagte, die Finanzierungsbedingungen der Wirtschaft seien günstig. Niedrige Realzinsen und gestiegene Unternehmensgewinne könnten zu mehr Investitionen, Beschäftigung und Binnennachfrage führen. (APA/Reuters)

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