Tim Robbins im Gespräch über "Krieg der Welten": "New York zu zerstören, ist mittlerweile billig"

5. Juli 2005, 21:45
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Der Oscar-Preisträger im STANDARD-Gespräch: Er präsentierte "Krieg der Welten" in Wien

Die Zerstörung ist in Krieg der Welten schon vorangeschritten, als Ogilvy den flüchtenden Ray Ferrier (Tom Cruise) und dessen Tochter zu sich in den Keller winkt. Während draußen die Außerirdischen ihren Feldzug weiterführen, nimmt sich der Filme eine Auszeit im Psychodrama: Ogilvy hat seine Familie bereits verloren, wie ein am Rande des Wahnsinns delirierender Colonel Kurtz in Apocalypse Now! will er nun eigenmächtig den Kampf gegen die Aliens aufnehmen.

Ogilvy wird vom US-Schauspieler Tim Robbins verkörpert, der gemeinsam mit seiner Frau Susan Sarandon zu den politisch engagiertesten Hollywood-Stars gehört. Auf zahlreichen Veranstaltungen hat er sich gegen den Krieg im Irak ausgesprochen, aber auch die Einschränkung von Bürgerrechten wie die Tendenz der Massenmedien im eigenen Land beklagt. Vor zwei Jahren wurde er deswegen von einer Baseball-Veranstaltung, bei der er und Sarandon eine Rede halten sollten, ausgeladen.

Dass er nun in Spielbergs H.G. Wells-Adaption gerade die Rolle eines traumatisierten Bürgers übernimmt, der in seiner Insistenz, Widerstand gegen die Eroberer zu leisten, eher seinen eigenen Auffassungen zuwiderläuft, war für Robbins jedoch keine besondere Herausforderung: "Ogilvy könnte eigentlich jeder sein; das hat mich an der Rolle interessiert. Er ist einfach einer dieser Leute im Mob. Was passiert mit Menschen, wenn sie zu Zeugen von unermesslicher Gewalt werden? Was geschieht mit ihnen, wenn ihre Verwandten ermordet werden? Der Wahnsinn, der aus solchen Erfahrungen resultiert, ist ganz natürlich."

Ein Blockbuster wie Krieg der Welten ist im Werk von Robbins, der sich in seinen Regiearbeiten, dem Todesstrafen-Drama Dead Man Walking oder der Politikersatire Bob Roberts, stets kontroversieller Themen annahm, dennoch ein Novum. Überzeugt hat ihn dabei vor allem die humane Vision des Films, die ähnlich ausgerichteten Arbeiten entgegen gesetzt ist: "Ich habe mich dafür entschieden, weil ich das Drehbuch so beängstigend fand. Und die Rolle war großartig. Als Schauspieler sucht man ja immer nach Rollen, die extreme Gefühle mit sich bringen. Als ich das Script las, dachte ich, ich habe die Chance, in einem Film mitzuwirken, der an entsetzliche Ort führt. Das hat natürlich mit der Idee von einem Land zu tun, das eine Invasion erlebt – das ist sehr relevant."

Krieg der Welten ist den auch seit längerer Zeit wieder ein Film, der katastrophische Bilder einer von außen attackierten USA mit sich bringt – nach dem Terror des 11. Septembers gab es dahingehend ein regelrechtes Tabu: "Was mir wirklich gefällt an diesem Film: Dass man nicht sieht, wie New York zerstört wird.", meint Robbins dazu, "Ich lebe in New York, und in beinahe jedem Katastrophenfilm wird ein Teil der Stadt oder zumindest ein Wahrzeichen davon zerstört. Ich finde, dass die ikonographische Zerstörung von NYC mittlerweile einfach zu billig ist. Vor allem nach 9/ 11. Dieser Film handelt von den Menschen und nicht von den Symbolen."

Robbins eigene Aufarbeitung der Folgen von 9/11 findet jedoch an anderer Stelle statt. Von seinem Theaterstück Embedded, einer Anti- Kriegssatire, die sich an der Rhetorik von neokonservativen Denkern wie Leo Strauss wie auch an der verzerrten Wiedergabe des Irakkrieges durch US-Medien abarbeitet, hat er soeben eine DVD hergestellt: "Wir haben mit neun Kameras gedreht, was dem Ganzen etwas von einer Rock,n'Roll-Show verleiht. Erhältlich ist sie über www.embeddedlive.com. Ich habe es mit meinem Geld produziert – und es ist wirklich Underground. Die Zuschauer waren begeistert, sie wollten das sehen, weil sie sich nur selektiv informiert fühlten." (DER STANDARD, Printausgabe, 28.06.2005)

Von Dominik Kamalzadeh
  • Artikelbild
    foto: standard/robert newald
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