Komment@r: Rohrstock-Revival

8. November 2005, 13:28
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VP-Bildungssprecher Amon will LehrerInnen mehr Sanktionsmittel in die Hand geben - und damit Holzhammer­methoden einsetzen, wo Kreativität gefragt wäre

Alle Jahre wieder kommt, meist von konservativer Seite, der Wunsch nach einer "strengeren" Schule. Diesmal fordert VP-Bildungssprecher Amon, dass den LehrerInnen für den Umgang mit "verhaltensoriginellen" Kindern und Jugendlichen mehr Sanktionsmechanismen und Erziehungsmittel zur Verfügung stehen sollten. Die Rechte und Pflichten der SchülerInnen sollen zu diesem Zweck in der Schulordnung festgeschrieben werden, begründet der Abgeordnete seinen Wunsch nach einer Gesetzesänderung.

Abgesehen von der nicht gerade umwerfenden Kreativität des Vorschlages, scheint Amon das Schulunterrichtsgesetz (SchUG) eher nur flüchtig überflogen zu haben. Sind doch sowohl SchülerInnenrechte- und Pflichten als auch Sanktionsmechanismen bereits ausdrücklich darin verankert.

In §43 SchUG ist geregelt, dass sich SchülerInnen an die Schulordnung zu halten haben, die Unterrichtsarbeit fördern und sich in die Klassengemeinschaft einordnen müssen. Das Gegenstück dazu bietet §47 SchUG, der es den LehrerInnen erlaubt "angemessene persönlichkeits- und gemeinschaftsbildende Erziehungsmittel" anzuwenden. Ausdrücklich genannt sind Anerkennung, Aufforderung und Zurechtweisung. Ausdrücklich verboten sind körperliche Züchtigung, beleidigende Äußerungen und Kollektivstrafen.

Nun stellt sich also die Frage: Was genau meint der ÖVP-Bildungssprecher, wenn er den LehrerInnen neue Erziehungsmittel zur Verfügung stellen will? Welche Arten von Sanktionen sind im Begriff "angemessene Erziehungsmittel" nicht enthalten? Wohl rein begrifflich nur un-angemessene Erziehungsmittel. Wovon sprechen wir hier – von der "gsunden Watschn"? Dem Rohrstock? Oder "nur" von Strafarbeiten? Konkrete Vorschläge macht Amon nicht, man sollte ihm dementsprechend auch keine der genannten Ideen zuschreiben. Welche Erziehungsmittel zu Einsatz kommen könnten, solle das Bildungsministerium feststellen, so Amon.

Schule hat in erster Linie einen Bildungs- und Unterrichtsauftrag. Wer, berechtigterweise, Kritik am Schulsystem und seinem Umgang mit SchülerInnen übt, sollte eben an der Umsetzung dieses Bildungsauftrages ansetzen. Wer aber eine fast unüberschaubare Menge an Reformen beschließt und dann, noch vor deren Umsetzung, nach mehr Sanktionen und Strenge schreit, der setzt Holzhammermethoden ein, wo Kreativität gefragt wäre.

Ja, die Schule muss lernen, mit "verhaltensoriginellen" Kindern besser umzugehen. Ja, viele SchülerInnen müssen lernen, ihre Aggressionen auf gesundem Weg abzubauen. Ja, es gibt immer noch gravierende Defizite in der Kommunikation zwischen LehrerInnen und SchülerInnen. Was daran aber mit Sicherheit nichts ändern wird, sind reaktionäre Forderungen nach strengeren Sanktionen.

Von Anita Zielina
  • Alte Schule, harter Stil: In seiner Dokumentation "Die harte Schule der 50er Jahre" versetzte das ZDF eine Schulklasse in die Vergangenheit zurück. Disziplin spielte damals eine besondere Rolle
    foto: zdf

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