"Albaner hoffen auf jüngere Polit-Generation"

5. Juli 2005, 13:16
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Balkan-Expertin Christine von Kohl: Von Parlamentswahl höchste "personelle Änderungen" zu erwarten - Nur Mafia hat Arbeitsplätze geschaffen

Wien - "Nach den allgemeinen Erfahrungen, dass - egal welche Regierung man auch immer hat - keine etwas tut, was das Land vorwärts bringt" würden viele Albaner auf eine jüngere Polit-Generation hoffen. An einer neuen politischen Führungselite oder der Heranbildung einer solchen mangle es aber in dem Land, erklärte die Journalistin und Balkan-Expertin Christine von Kohl im Interview mit der APA im Vorfeld der albanischen Parlamentswahl.

Noch immer sei "die erste Garnitur" am Ruder, die seit dem Ende der kommunistischen Diktatur vor rund 15 Jahren die Politik bestimme bzw. im Falle ehemaliger Kommunisten die Politik bereits vorher bestimmt habe. In ihrer Desillusionierung über die beiden großen Lager, der Sozialistischen Partei (PSSH) und der Demokratischen Partei (PDSH), die seither wechselnd an der Macht waren, wünschten sich viele Albaner aber weniger eine neue dritte Kraft als, dass "jüngere Politiker zum Zug kommen sollen".

"Novum"

Der einzige konkrete Name, der in diesem Zusammenhang allerdings falle, sei jener des Bürgermeisters von Tirana, Edi Rama. Ohne einer Partei anzugehören - als "Novum"- habe der 41-jährige Maler und Kunstprofessor im Jahr 2000 sein Amt angetreten. Mittlerweile sei er der PSSH beigetreten. "Er ist der Einzige, der Aktivität, Entschlussfähigkeit und Durchsetzungsvermögen an den Tag gelegt hat", so von Kohl. Ob er in naher Zukunft auf nationaler Ebene eine Rolle spielen könnte, sei jedoch ungewiss.

Das augenscheinlichste Zeichen für das "Nicht-Imstande-Sein" der Politik in Albanien ist laut der Expertin die noch immer mangelhafte Strom- und Wasserversorgung in den Städten. "Die Regierung hätte die finanziellen Möglichkeiten dafür, es geschieht aber nichts." Auf Grund des schwachen Vertrauens der Bevölkerung in ihre Führer rechnet von Kohl eher mit einer niedrigen Wahlbeteiligung am kommenden Sonntag (3. Juli).

Von der Wahl seien ohnedies keine politischen, sondern höchsten personelle Änderungen zu erwarten - selbst bei einem Wechsel von den Sozialisten zu den Demokraten. Ein Regierungswechsel in Albanien, eines der ärmsten Länder Europas, würde nur bedeuten, dass Amtsträger ihre Posten verlören und "die Freunde der neuen Macht" diese übernähmen. Von Kohl: "Davon hat die Bevölkerung gar nichts."

Vor allem die Arbeitslosigkeit und die große Armut seien "enorme Schwierigkeiten", die das Land habe. Was seit den Unruhen 1997 erreicht worden sei, sei zumindest die Herstellung der Sicherheit auf den Straßen. Substanzielle Verbesserungen durch eine konsistente Wirtschaftspolitik, eine einheitliche Strategie im Bauwesen oder beim Tourismus seien aber nicht zu sehen gewesen.

Auslandsinvestitionen seien ein wichtiger Faktor, dass sich "überhaupt etwas entwickeln kann". "Neue Arbeitsplätze sind aber nur auf Initiative der Mafia geschaffen worden", führte die Journalistin im APA-Gespräch weiter aus. Das Organisierte Verbrechen habe vor allem im Umkreis von Tirana, um ihre Gelder rein zu waschen, Hotels und Restaurants mit großen Parkplätzen, Swimming Pools und Tennisanlagen errichtet. Dort seien zahlreiche Albaner im Gastronomiebereich angestellt und erhielten monatlich einen Lohn. Dass die "Ausflugsziele" wegen Abwesenheit einer Klientele weitgehend leer stünden, sei für die Mafia-Zwecke zweitrangig.

Die Verflechtungen der Mafia mit der Politik in Albanien seien schwer erkennbar, so von Kohl. "Es ist aber ganz sicher, dass es sie gibt." (APA)

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    Anhänger der Monarchisten-Partei LZHK bei einer Wahlveranstaltung

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