Im Dialog der Dinge

3. Juli 2005, 19:31
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Linzer Forscher arbeiten an der "Informatisierung des Alltags". Gebrauchsgegenstände sollen sich untereinander intelligent verständigen und uns die Routine abnehmen: viel Aufwand im Hintergrund, von dem wir nichts merken sollen.

Das Netz, Chips und drahtlose Technologien machen's möglich. Für die Marktreife braucht es aber auch den Willen der Industrie
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Die Technik, Mitmenschen auf einfache und klare Weise eine Nachricht zukommen zu lassen, hat einen eingetragenen Markennamen: Post-it. Jeder kennt die selbstklebenden gelben Zettelchen.

Für die Idee, dass Maschinen es ebenso unkompliziert schaffen sollen, miteinander zu kommunizieren, hat Alois Ferscha einen neuen Namen: Peer-it. Ohne Zutun des Menschen, als Gleichgestellte, peer-to-peer, könnten elektronisch fit gemachte Geräte und Objekte Daten austauschen und Entscheidungen treffen. Genauer gesagt: Sie tun es schon.

Das Institut für Pervasive Computing an der Uni Linz hat unter Ferschas Leitung einen "Ansteckcomputer" entwickelt, der drahtlose Kommunikationstechnologien auf kleinsten Raum integriert. Peer-its können an Maschinen, Gebrauchsgegenstände, Autos, Möbel usw. angesteckt werden, und machen diese zu einem vernetzten, allgegenwärtigen, eben "pervasive" Computerverbund. Ein Beispiel: "SmartCase". Der gescheite Koffer ist ein unauffälliger kleiner Behälter. Dank digitaler Techniken aber wird er zum intelligenten Online-Dialogpartner mit seinem Inhalt. Er registriert die Details etwa des persönlichen Assistenten (PDA), des Schlüssels, der Arbeitspapiere, aber auch des Hemdes und von allem anderen, was eingepackt ist. Und da der "Internetkoffer" mit dem Wissen ausgestattet ist, was sein Träger gerade am dringendsten braucht, was er vernachlässigen kann oder was er vergessen hat, kann er auf Wunsch in einen Dialog mit ihm treten.

"Unsere Mission", sagt Ferscha, "ist die Informatisierung des Alltags." Für die Linzer Forscher verkörpert der PC, wie wir ihn kennen, gleichermaßen den Vor- und Nachteil eines zentralisierten Ablaufs. Er ist ein Werkzeug, das vieles kann, aber alle diese vielen Funktionen sind aus ihrem natürlichen Ablauf herausgelöst. "Wir wollen die Computerfähigkeiten in die Gegenstände zurückverlagern, dorthin, wo sie eigentlich hingehören, aber mit dem radikalen Anspruch, dass sie überall im Hintergrund vorhanden sind."

Dem Zuhörer fallen Auto-Navigationssysteme als Beispiel für bereits eingebettete IT "vor Ort" ein. Ferscha stimmt zu und verweist auf weiterführende Überlegungen am Hagenberger Institut: Eine Technologie namens INSTAR sieht vor, dass sich die zur Zielerreichung nötige Straße von selbst als der "richtige Weg" artikuliert, indem sie in einem Kamerabild im Navigationssystem eingefärbt erscheint.

Das klingt wie alles, was mit verknüpften Systemen zu tun hat, sehr kompliziert und ist es auch. Doch einer der wichtigsten Punkte an der neuen Forschung ist, dass der Mensch mit dem ganzen technischen Hintergrund nichts zu tun haben will und auch nicht soll. Die Linzer geben der Technik gerade dann große Chancen, wenn stereotypes Alltagsverhalten durch Algorithmen abgelöst werden kann. Ferscha nimmt als Beispiel die mit vielen Knöpfen, Drehreglern, Programmen und Indikatoren ausgestattete Waschmaschine. "Mich interessieren die Details der Bedienung nicht. Ich will die Wäsche rein- und rausnehmen." Den Rest sollen sich die Beteiligten untereinander ausmachen. Dass das Hemd bei 60 Grad gewaschen werden kann, wäre dann in seinem winzigen, wasserfesten Chip festgeschrieben - in demselben Chip, der im SmartCase kommunizieren kann, dass das Hemd da ist (und natürlich auch, dass es gewaschen ist).

In der so genannten natürlichen Umwelt der Menschen gebe es einen großen Bedarf an smarten, einfachst zu handhabenden Geräten. Was "mobile user appliances" angeht, berufen sich die Forscher auf die Kriterien des amerikanischen Design-Theoretikers Donald Norman (den wir in Forschung Spezial im Februar vorgestellt haben): use oder usability (intuitive Bedienbarkeit), versatility (vielfältige Anwendbarkeit) und pleasurability (Fähigkeit, Vergnügen zu bereiten).

Das MP3-Abspielgerät iPod fällt einem dazu ein. Ferscha hat das Gerät zwar noch nicht selber benutzt, sieht aber darin die gelungene Reduktion von Komplexität bei gleichzeitiger Stärke seiner Leistung. "Ich bin der Souverän darüber, was mit meiner Musik passiert. Das ist der Clou seines Erfolges." Wobei der Interaktionsforscher Manfred Tscheligi (siehe Beitrag unten) hinzufügt, dass auch die Sichtbarkeit eines solch gut designten Produktes geschätzt wird - was gegen dessen physisches Verschwinden sprechen würde.

Die am Hagenberger Research Institute for Pervasive Computing RIPE projektierten Geräte sollen im Idealfall die Selbstverständlichkeit traditionell benutzter Objekte haben und zugleich im modernen Informationsfluss mitspielen. Ein weiteres Beispiel: die intelligente Brille mit Display, Biosensor, Antenne, Mikrofon und noch einigem - vor allem der von Ferscha gelobten Charakteristik: "Ich kann die Brille auch weglegen."

So eine Brille ist, wie mehrere der in Linz entwickelten Prototypen, der Traum vieler IT-Forscher von Linz bis zum MIT. Warum dauert es dann so lang bis zur Marktreife?

An der Technik liege es nicht, sagt Ferscha, die sei ausgereift, die IT-Bausteine seien vorhanden, die Vernetzung technisch möglich. "Aber es braucht den Willen der Industrie, und da gibt es viele für uns undurchschaubare Strategien der Konzerne." Es werden Märkte segmentiert, die noch gar nicht existieren, es bekämpfen einander konkurrierende Normen. Derweil wartet die Technik, unsichtbar, im Hintergrund. (Michael Freund/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 6. 2005)

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