"Ironie der Globalisierung"

16. März 2007, 09:58
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Der größte Textilerzeuger in Namibia könnte ins Ausland verlagert werden – Die Anreize dafür schaffte die eigene Regierung

Namibias 15. Unabhängigkeitsjubiläum im März 2005 wurde von Meldungen überschattet, dass der größte Textilerzeuger im Land seine Produktion nach China verlagern würde. Für die umstrittene Industriestrategie der Regierung und für den angespannten Arbeitsmarkt wäre dies zweifellos ein schwerer Schlag. Man habe sich leider zu leichtfertig auf die Standortsuche multinationaler Konzerne eingelassen, schreibt Herbert Jauch vom Labour Resource and Research Institute (LaRRI) in Windhoek in der aktuellen Ausgabe von Indaba.

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In den vergangenen Wochen sorgte Ramatex erneut für Schlagzeilen als seine Tochtergesellschaft Rhina Garments den Abbau von Arbeitskräften (begründet mit einer schlechten Auftragslage in den USA) in ihrem Windhoeker Betrieb bekannt gab. Auch eine Schließung von Ramatex Textiles selbst stand im Raum. Obwohl kurz danach zwar die Gerüchte über eine Schließung der riesigen Fabrik sowohl von Ramatex als auch von der namibischen Lebensmittel- und Textilarbeitergewerkschaft NAFAU dementiert wurden, beobachten die Ramatex-Mitarbeiter/innen vermehrt Anzeichen für ein drohendes Zusperren des Betriebs. Orientiert man sich zudem an internationale Erfahrungen, ist es absehbar, dass der Verbleib von Ramatex ein zeitlich begrenzter sein wird.

Globale Strategien

Ein Besuch der Webseiten von Ramatex ermöglicht einen Einblick in die globalen Strategien dieses Unternehmens. Gegründet 1982 in Malaysia, expandierte das Unternehmen mit seiner Produktion 1997 nach China. Im Jahr 2001 begann es seine Investition in Namibia und baute diese im darauffolgenden Jahr 2002 noch aus. Der Betrieb entstand mit aktiver Förderung des Ministeriums für Handel und Industrie und sollte etwa 7.000 Arbeitskräften, vor allem Frauen, im Großraum Windhoek einen Arbeitsplatz bieten. Aber schon 2003 hatte Ramatex wieder Asien im Fokus und expandierte in Kambodscha und China. 2004 setzt sich dieser Trend fort, das Unternehmen breitete sich in beiden Ländern weiter aus, vor allem in China. Hier ist für 2005 sogar noch eine weitere Expansion geplant.

Dies entspricht ganz einem globalen Unternehmensverhalten. Denn anders als offiziell dargestellt, sind die Investitionen von Ramatex nicht als Süd-Süd-Kooperation zwischen Namibia und Malaysia anzusehen. Sie hatte nicht die Absicht, die Bemühungen des südafrikanischen Landes um Industrialisierung zu unterstützen. Im Gegenteil: Das Unternehmen Ramatex arbeitet nach den Linien der klassischen kapitalistischen Vorstellung einer hochgradig mobilen Textilindustrie, die zeitlich beschränkte Wettbewerbsvorteile auf der gesamten Welt nutzt.

Fabriksfragmente

Ironischerweise machen es die speziellen Anreize der namibischen Regierung dem Unternehmen Ramatex nun einfacher, die Produktion zu verlagern. Namibia hat allein im Anfangsstadium Infrastruktur von über 100 Millionen namibische Dollar (12 Millionen Euro) zur Verfügung gestellt, während Ramatex vorgefertigte Fabrikbauteile und Maschinen in Containern importiert hat. Diese können wieder abgebaut und verschifft werden, was Namibia mit Fragmenten einer Fabrik, die von geringer Bedeutung für die örtliche Ökonomie sind, zurücklassen würde. Generell kann man sagen, dass Unternehmen, die selbst in die Infrastruktur investieren, dazu tendieren, länger zu bleiben, da sie die ursprünglichen Investitionen erwirtschaften müssen, um – über einen gewissen Zeitraum gesehen – profitabel zu sein.

Namibia hat an diesem Globalisierungsspiel jedoch in dem Glauben teilgenommen, keine anderen Möglichkeiten zu haben, als sämtliche Anforderungen von Ramatex zu erfüllen. Dies erklärt, warum Ramatex mit subventioniertem Wasser und billiger Elektrizität versorgt wurde – was wiederum bedeutet, dass die namibische Bevölkerung ein reiches, transnationales Unternehmen mit einem Umsatz von mehr als 300 Millionen US$ (248 Millionen Euro) im Jahr 2004 unterstützte. Zusätzlich wurde es Ramatex gestattet, grundlegende Arbeitsrechte sowie umweltbezogene und kommunale Vorschriften zu verletzen. Selbst die nachweisliche Verschmutzung des Grundwassers wurde toleriert.

Arbeitskonflikt

Obwohl das Unternehmen im September 2002 schriftlich die zuständige Gewerkschaft NAFAU anerkannte, wurden die niedrigen Löhne nie erhöht, und die Arbeiter/innen waren zu einem Leben in Armut verurteilt. Zu einem besonders heftigen Arbeitskonflikt kam es im Sommer 2004 durch die Kündigung von 66 Arbeitsmigranten als Bangladesh, die von Ramatex unter korruptionsverdächtigen Umständen rekrutiert und unter Verletzung zahlreicher arbeitsrechtlicher Bestimmungen Namibias beschäftigt worden waren.

Ihre sofortige Abschiebung in ihre Heimat wurde vom Obersten Gerichtshof zunächst verhindert. Darüber hinaus ergaben LaRRI-Recherchen, daß sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere hundert Arbeitskräfte aus Bangladesh in Windhoek befanden, wo sie unter katastrophalen Bedingungen untergebracht waren. Ungeachtet vieler Warnungen und wiederholter Forderungen nach einem Einschreiten der Regierung, um diese Probleme zurechtzurücken, wurde Ramatex kein klarer Bescheid gegeben, sich – so wie jedes andere Unternehmen – an die namibischen Gesetze und Vorschriften halten zu müssen.

Kein Technologietransfer

Auch eine systematische Entwicklung der Qualifikation der namibischen Arbeitskräfte scheint nicht stattgefunden zu haben, da das Unternehmen nur ein anfängliches Training durchführte und dann dazu überging, Arbeitskräfte aus Asien zu importieren. Weiters gibt es auch keine Anzeichen für einen auch nur ansatzweisen Technologietransfer, der zur Entwicklung einer eigenen Textilindustrie Namibias hätte beitragen können.

Für Ramatex war Namibia wahrscheinlich nur ein temporärer Standort gemäß den globalen Strategien des Unternehmens, die eine Übersiedlung nach China, sobald die Bekleidungs- und Textilquoten ausgelaufen sind, vorsehen. Die internationale Erfahrung in vielen Ländern der "Dritten Welt" hat gezeigt, dass eine Industrialisierungsstrategie, welche vom guten Willen der ausländischen Investoren abhängig ist – gekoppelt mit repressiven Arbeitsbedingungen und Umweltbelastung – ein Rezept für ein Desaster darstellt, nicht aber für nachhaltige Entwicklung. Transnationale Unternehmen wie Ramatex erpressen schwächere Staaten letztendlich dahingehend, ihnen stetig mehr Zugeständnisse zu machen als Gegenleistung für versprochene Investitionen und Arbeitsplätze. (Der Volltext des Artikels erscheint in der Ausgabe 46/05 von Indaba.)

  • Das Textilunternehmen Ramatex profitierte in Namibia von den Förderungen des Africa Growth and Opportunity Act (AGOA) der Vereinigten Staaten, welche zollfreien Zugang zu den US-Märkten für all jene Unternehmen garantierten, die in bestimmten, von der US-Regierung "genehmigten" afrikanischen Ländern produzierten.
    foto: indaba/herbert jauch

    Das Textilunternehmen Ramatex profitierte in Namibia von den Förderungen des Africa Growth and Opportunity Act (AGOA) der Vereinigten Staaten, welche zollfreien Zugang zu den US-Märkten für all jene Unternehmen garantierten, die in bestimmten, von der US-Regierung "genehmigten" afrikanischen Ländern produzierten.

  • Das SADOCC- Magazin für das südliche Afrika. Viermal jährlich berichten Journalisten und Fachleute aus Österreich, Europa und dem Südlichen Afrika über die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Südlichen Afrika.
    foto: sadocc

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