"Fairer ist eine beschränkte Kapazität"

14. Juli 2005, 14:38
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Rudolf Ardelt, Rektor der Uni Linz, fordert im STANDARD-Interview vor dem EuGH-Urteil zum Uni-Zugang eine "EU-Finanzspritze"

STANDARD: Vielen Universitäten "droht" nach dem EuGH-Urteil zum österreichischen Uni-Zugang ein Ansturm vor allem von deutschen Studierenden. Wie rüstet sich die Uni Linz?

Ardelt: Wir rechnen nicht mit einem dramatischen Zustrom. Die Hauptbetroffenen sind ja eher die medizinischen Universitäten. Wir könnten im Bereich der Betriebswirtschaftslehre betroffen sein.

STANDARD: Wäre für Sie eine Verurteilung nachvollziehbar? Diskriminiert Österreich EU-Maturanten?

Ardelt: Es kommt dadurch eine gewisse Rechtsauffassung des EuGH zum Ausdruck, dass eben alle EU-Bürger gleichzustellen sind - rein formell wäre so ein Urteil also nachvollziehbar. Die große Problematik liegt in Zukunft darin, dass wir Zusatzkapazitäten für das deutsche Uni-System anbieten. Es wird unweigerlich ein Verdrängungsprozess österreichischer Studenten einsetzten, denn durch notwendige Kapazitätsbeschränkungen werden auch weniger Österreicher studieren können.

STANDARD: Gibt es einen Weg aus dieser Misere?

Ardelt: Einerseits wird das Schlagwort der Zukunft Distance-Learning heißen. Fernunterricht und E-Learning werden einen regelrechten Boom erleben. Andererseits sollte es auch Transferleistungen der EU geben.

STANDARD: In welcher Form?

Ardelt: Ganz einfach, jene Länder, die Ausbildungskapazitäten anderer übernehmen, sollen auch entsprechende Gelder aus den Fördertöpfen bekommen. Mit einer EU-Finanzspritze könnten die betroffenen Unis ihre Kapazitäten entsprechend ausbauen.

STANDARD: Sie haben sich immer wieder für ein striktes Auswahlverfahren und eine Begrenzung der Studienplätze ausgesprochen. Was heißt das?

Ardelt: Ich bin für ein System der Studienplatz-Bewirtschaftung, das nicht nur reduziert werden kann auf Zugangsbeschränkungen, sondern vor allem auf die Festlegung und Finanzierung einer bestimmten Zahl von Studienplätzen. Es ist unehrlich, wenn man junge Menschen anlockt und etwa bei überlaufenen Studien dann ein Prüfungssystem einsetzt, nur um sie wieder zu eliminieren. Fairer ist eine beschränkte Kapazität. Parallel dazu muss man natürlich auch mit dem Ministerium über bestimmte Leistungsvereinbarungen verhandeln.

STANDARD: Was fordern Sie konkret von der Politik?

Ardelt: Bis jetzt hat das starre Festhalten am freien Hochschulzugang jede Budgetdiskussion verhindert. Dabei sollte die historische Uni-Budgetierung endlich einmal gründlich überdacht werden. Das Ministerium muss einen genauen Plan über verfügbare Studienplätze festlegen und finanzieren. Wenn zum Beispiel schon im Vorfeld klar ist, in Linz gibt es 6000 Plätze für Wirtschaftswissenschaften, so kann man ganz anders planen und auch die vorhandenen Mittel besser einsetzen. Es spricht auch nichts gegen Aufnahmeprüfungen - bei Fachhochschulen oder auch bei den Kunstunis ist das Usus.

STANDARD: Braucht Österreich eine Elite-Universität?

Ardelt: Österreich braucht sicher im Bereich der Forschung und Ausbildung Exzellenz-Zentren. Statt eines lokalen Spitzeninstitutes sollte man aber die bereits an den Universitäten vorhandenen, exzellenten Forschungsgruppen miteinander vernetzen. Die Unis haben jetzt berechtigt Angst, dass alle in Zukunft ihre klugen Köpfe an eine Elite-Uni verlieren.

STANDARD: Im 40. Jahr ihres Bestehens expandiert die Uni Linz mit der Schaffung des neuen "Science-Park". Was erwartet die Studenten?

Ardelt: Wir vergrößern die Nettonutzfläche des Uni-Campus um 40.000 Quadratmeter für ein Mechatronik-Gebäude und Firmen. Erstmals wird es auch Räume für die Akademie der Wissenschaften geben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. Juni 2005)

Das Gespräch führte Markus Rohrhofer

Zur Person

Rudolf Ardelt (61) promovierte über "Deutschnationales Ge- dankengut in Österreich". Der habilitierte Historiker (Schwer- punkte u. a. Arbeiterbewegung, NS-Zeit) ist seit 2000 Rektor der Uni Linz.

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    foto: uni linz
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