Späte Erkenntnis

3. Juli 2005, 18:40
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Ein Kommentar von Samo Kobenter zu den Spesen von Jörg Haider

Noch vor wenigen Monaten hätte man viel Geld gewonnen, wenn man auf die Schlagzeile "FPÖ fordert Landeshauptmann Jörg Haider zum Rücktritt auf" gewettet hätte. Die Vorhersage, Haider würde der FPÖ einmal öffentlich vorwerfen, immer wieder in den "braunen Pfuhl" zu hüpfen, hätte vermutlich nicht einmal im letzten Wettbeisl Singapurs relevante Quoten erzielt. So gesehen hat wenigstens ein, wenn auch halbseidener, Wirtschaftszweig von der Spaltung der FPÖ profitiert.

Wer wirklich profitiert hat, als BZÖ und FPÖ noch traut unter einem Dach wohnten, zeigt sich nun in wilden wechselseitigen Abrechnungen, die den letzten Glaubwürdigkeitsrest beider Parteien beseitigen dürften. Ausgerechnet Haider als selbst ernannter Robin Hood der Fleißigen und Anständigen habe schamlos in den Spesentopf gegriffen, werfen ihm nun die Kassenwarte der FPÖ vor. Da nicht anzunehmen ist, dass sie erst jetzt über Haiders vorgebliche Gier Kenntnis erlangt haben, werden sie sich wohl fragen lassen müssen, warum sie ihre Empörung so lange beherrscht haben. Was jedem, der sehen konnte, klar war, wird jetzt jedem, der sehen will, offenbar: Die Inszenierung der blauen Eventpolitik hat über Jahrzehnte hinaus enorme Summen verschlungen, ihre Protagonisten haben in Saus und Braus gelebt, und berappen muss es letztendlich der fleißige und anständige Steuerzahler.

Das Fest ist zu Ende, jetzt wird abgerechnet. Vor Jahren schon hat der ehemalige Landeshauptmann Christoph Zernatto seinen Nachfolger in kleinem Kreis gewarnt und ihm prophezeit, dass ihm sein Stil und seine Entourage einmal fürchterlich auf den Kopf fallen würden. Jetzt ist es so weit, und Zernatto, von Haider so oft verlacht, hat sich nachträglich als scharfsichtiger Beobachter erwiesen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. Juni 2005)

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