Deutsche Romantik

5. Juli 2005, 21:39
6 Postings

Die Grazer Neue Galerie zeigt "Zur Vorstellung des Terrors - Die RAF"

Die heftig umstrittene Schau der Berliner Kunstwerke überzeugt in Graz vor allem durch ihren großartig recherchierten Dokumentarteil.


Graz - Holger, der Kampf geht weiter!, rief Rudi Dutschke ins offene Grab des Filmschülers Holger Meins. Meins war einem ungemein publikumswirksamen Hungerstreik erlegen, den Andreas Baader vorgeblich zur Verbesserung der Haftbedingungen für "politische Gefangene" ausrief. Am 11. April 1968 war dann auch Rudi Dutschke tot.

Und Andreas Baader einer der großen Medienstars der deutschen Naschkriegsgeschichte. "Einer, der sich durchsetzte, wo andere nur diskutierten" (Jürgen Busche in Die 68er, Berliner Taschenbuchverlag), hatte es geschafft, die Medien zu instrumentalisieren, um den Generalverdacht auf das Aufbauwerk der Väter zu lenken.

Und Der Spiegel, der Stern, die Quick und die Bild, die FAZ, die Süddeutsche Zeitung und die Tagesschau, die wesentlichen Aufklärungsorgane Deutschlands, erfüllten alle Erwartungen an die ihnen zugewiesenen Rollen. Die Linke überkam ein Schaudern ob der Gewalt aus den eigenen Reihen, und musste doch an Zorro denken, oder Robin Hood, oder sonst einen Rächer der Entrechteten, als aus konkret plötzlich ernst wurde, als nicht nur Kaufhäuser brannten, sondern - ganz lateinamerikanisch urban - auch Menschen ihr Leben lassen mussten.

Einige Genossen wollten den langen Marsch schlichtweg abkürzen, nicht aufgerieben werden im Gang durch die Institutionen, statt dessen gleich verändern. Rabiat. Und dann vergingen die Jahre.

Der heute junge Mensch kennt Rainer Langhans aus diversen Talkshows im deutschen Privatfernsehen (es prickelt immer noch) als feschere Ausgabe Otto Muehls mit fünf Gefährtinnen, und den feuchten Traum der außerparlamentarischen (APO) Opposition, Uschi Obermaier, als die, die Mick Jagger in die tieferen Geheimnisse des Klassenkampfs einführte. Und die Profile von Andreas Baader, Ulrike Meinhof oder Gudrun Ensslin haben sich zu Schattenrissen ähnlich jenem Che Guevaras verzerrt, die weitgehend unhinterfragt für ein diffuses Gefühl von Widerstand auf bunten T-Shirts sorgen.

Und also war es an der Zeit, eine Ausstellung zu machen. Und siehe da, die Konzentration längst bekannter Bilder auf einen Ort, die Anhäufung ebenso oft wie unwidersprochen publizierter Kunstwerke in einer Schau in den Berliner Kunstwerken im Frühling 2005 sorgte für Aufruhr. Zur Vorstellung des Terrors - Die RAF musste letztlich ohne Subventionen auskommen.

Das Anliegen und wohl auch die Spekulation Klaus Biesenbachs (Gründungsdirektor und künstlerischer Leiter der Kunstwerke) das Trauma RAF erneut in die Medien zu bringen, stand längst vor seiner Präsentation im Generalverdacht, Terrorismus nachträglich zu rechtfertigen.

Endlose Debatten später ist die Schau in der Grazer Neuen Galerie gelandet, und deren Chefdenker Peter Weibel fasziniert zurecht, dass im Dokumentationsteil der Schau - der nicht die Geschichte der RAF, sondern den Umgang der Medien mit den letalen Spätfolgen der deutschen Romantik dokumentiert - so gut wie das gesamte Personal der heutigen deutschen Politikszene auftaucht: von Bundesinnenminister Otto Schily über Bundestagspräsidentin Antje Vollmer, bis hin zu Umweltminister Jürgen Trittin.

Cher Guevara

Und im Kunstteil tauchen Kunstwerke auf. Die meisten längst bekannt, einige recht gut, andere wenig erhellend. Ganz so, wie bei anderen Ausstellungen auch. Die wohl treffendste Arbeit wurde erstmals 1999 publiziert. Ihr Schöpfer Scott King kam 1969 zur Welt und ist seitdem wesentlich dadurch aufgefallen, sich nicht um Kategorien zu kümmern. Der ist Art-Direktor für i-D, macht ab und an CD-Covers für Suicide oder Morrissey, und was ihm sonst noch so ein- bzw. auffällt, wird eben im Kontext Kunst veröffentlicht. Kommentarlos wie: Cher Guevara oder - jetzt zum wiedersehen in Graz - Prada Meinhof, der mit abstand treffendste Kommentar zum bitteren Scheitern der Revolution.

Dagegen wirken Felix Droeses Flügelaltar mit Bubak, Schleyer, Ponto und Herrhausen oder Jörg Immendorfs Parlament I aus seinem Zyklus Café Deutschland nachgerade rührend betroffen. Gerhard Richter hat auf die Bilder einsichtig mit Unschärfe reagiert, Peter Weibel 1975 ebenso einsichtig mit: ich stamme aus mannheim/mein heim ist stammheim. Was schließlich soll man als Künstler schon der Realität entgegensetzen. Und die wurde auch in den 70ern von der Bild verfasst: "Baader ins Gesäß geschossen. Meins kapitulierte in der Unterhose."
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.6.2005)

Von
Markus Mittringer

Links

kw-berlin.de

museum-joanneum. steiermark.at

Bis 28. 8.

  • Hans Niehus hat angedacht, was aus dem Filmschüler Holger Meins wohl hätte werden können, wäre alles ein klein wenig anders verlaufen.
    foto: neue galerie

    Hans Niehus hat angedacht, was aus dem Filmschüler Holger Meins wohl hätte werden können, wäre alles ein klein wenig anders verlaufen.

Share if you care.