Blick zurück in Blassblau

8. Juni 2007, 15:46
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Georges Bizets "Carmen" unter Nikolaus Harnoncourt und Andrea Breth bei der styriarte

Graz - Arme, berühmte Carmen - sie ist eine Art Für Elise der Opernliteratur. Ausgepresst und abgespielt wie Beethovens kleines Stückchen für Klavier. Als Musikpraline schmilzt sie in der Wunschkonzerthölle ewig dahin und hat es auch zu zweifelhaften Handymelodieehren gebracht. Als man vom Vorhaben hörte, Nikolaus Harnoncourt und Andrea Breth würden sich ausgerechnet Bizets Hit vornehmen, musste man schon die beruhigende Erinnerung hervorkramen, dass selbst Für Elise - von Alfred Brendel gespielt - zu einem gänzlich neuen Stück wurde.

In der Tat hat Harnoncourt einen Weg gefunden, das sattsam Bekannte wiederzubeleben. Zusammen mit dem glänzenden Chamber Orchestra Of Europe hat er eine kontrastreiche Version gebastelt, die sich vom Oberflächenglanz freimacht und den Orchesterpart nicht den zahllosen vokalen Hits unterordnet. Einmal ist der Sound von wundersamer Streicherschwebe, dann wieder finden sich die erstaunlich zahlreichen Nebenstimmen sinnvoll an die Rampe gestellt. Und bisweilen dominiert eine herb tönende Welt, in der das Blech die Führung übernimmt.

Da wird also kein harmloser Mittelweg beschritten, jede Note birgt ein Statement, und unentwegt bringt ein Spiel mit verschiedenen Formen der orchestralen Intensität eine Dringlichkeit hervor, die zur Entbanalisierung der Partitur beiträgt, ohne den kulinarisch-emotionellen Gehalt wegzusperren, ohne sich in Details zu verstricken.

Auf der Bühne haben wir es mit einem Blick zurück zu tun. Auf seine Exekution wartend, lässt ein in Seilen gefangener Don José seine verrückte Liebe Revue passieren. Andrea Breth hat dafür diverse Räume der Erinnerung zur Verfügung (Bühnenbild: Annette Murschetz). Es ist dies ein aus Falltüren und Schiebewänden bestehendes blassblaues Gefängnis - wohl aus der Franco-Ära Spaniens -, und es ermöglicht eine Menge simultaner Bilder.

Repressive Stimmung

Lieblich und putzig ist hier gar nichts: Die Soldaten sind zudringliche Ekelpakete, Kinder sind tötende Kindersoldaten, es herrschen repressive Stimmung und zynische Kälte; ein Menschenleben zählt nicht viel. So kann die Leiche der von Carmen Ermordeten die Gesetzeshüter kaum aus ihrer Lethargie reißen - wie auch jene aus den Lautsprechern kommende allgegenwärtige Redestimme eines Diktators. Das wirkt in sich rund und wird konsequent durchgezogen - ist leider beileibe aber nicht alles.

Zu den vielen, die verhängnisvolle Beziehungsgeschichte ergänzenden Bildern kommt eine Menge enigmatischer Symbolik. Da sind die Gefangenen plötzlich als afrikanische Krieger verkleidet, die einen toten Stier umkreisen. Da werden rote Katzenattrappen über die Bühne getragen. Und so verheddert sich die Regie in Seitenthemen und optischen Rätseln, während die Beziehungen der Hauptfiguren letztlich nur banal und ohne Brisanz bleiben.

Am interessantesten scheint noch Don José gedeutet: Er ist hier eine Art Wozzeck mit Mutterkomplex (er rasiert den Offizier), der seine Gefühle nur schüchtern-verkrampft auslebt. Kurt Streit (dass ihn die Partie an seine vokalen Grenzen führt, kann er nicht verbergen) ist ein glänzender, subtiler Rollengestalter, eine konfliktbeladenes Sensibelchen, dass sich mit Escamillo (bewusst das Klischee des unerschütterlich Eitlen profund repräsentierend Egils Silins) eine Art stilisierten Stierkampf liefert.

Der lange Kampf mit Carmen bleibt indes der Aussetzer des Abends. Bei Breth ist diese Figur weder das Stereotyp der verführenden Freiheitsliebenden, noch ist sie etwas anderes. Im Nerzmantel legt sie sich auf die Leiche ihres Opfers. In der Szene der Zweisamkeit schmiert sie Don José mit Früchten ein. Sie bringt Tische und Betten zum Brennen, aber all dies bleibt eigenartig leblos und somit letztlich sinnlos - wohl auch deshalb, weil die solide und weich singende Nora Gubisch keinerlei Intensität zu entwickeln vermag.

So bleibt es bei einigen klugen Details, bei einer Werkentstaubung, die aber selbst überladen wirkt. Immerhin: Der Blick hinter die Partiturkulissen eines bekannten Werkes gelang. Man hat es so wohl noch nie gehört.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.6.2005)

Von Ljubisa Tosic

Termine

27., 29. 6., 1. und 3. 7.

  • Solide Gesangskünstlerin, aber keine Quelle besonderer Opernspannung: Nora Gubisch als Carmen.
    foto: styriarte

    Solide Gesangskünstlerin, aber keine Quelle besonderer Opernspannung: Nora Gubisch als Carmen.

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