Beim Stelldichein der Biotechbranche

3. Juli 2005, 19:31
posten

Auf der Bio 2005 wurden Ideen präsentiert, konkrete Umsetzungen fehlten großteils

Philadelphia - Noch vor drei Jahren war die Bio, das weltgrößte Meeting der Biotechnologie, dominiert von harter Wissenschaft. Im selben Ausmaß wie die Poster-Sessions, die Präsentation der aktuellen Studienergebnisse auf großen Plakaten, zurückgingen, schossen die aufwändig gestalteten Messestände wie Pilze aus dem Boden. Sie verfolgen in erster Linie das Ziel, Länder und Marken ins internationale Blickfeld zu heben. Und das war schwierig genug bei einer neuen Rekordmarke von mehr als 18.000 Teilnehmern, die vergangene Woche in Philadelphia ihre eigene und die Zukunft der Branche besprachen.

Da tat es gut, sich von außen bestätigen zu lassen, worum es - neben all dem Business - eigentlich geht. Melissa Etheridge, die sich als "gay rockstar" und Brustkrebsopfer vorstellte, erzählte von ihren Erfahrungen mit der Krankheit. Davon, dass sie fast dieselbe Chemotherapie bekam wie ein Freund, der kurz davor an Prostatakrebs erkrankt war. "Okay", sagte sie, "ich bin lesbisch - aber dass ich eine Prostata-Therapie bekommen sollte, ging mir dann doch zu weit." Schließlich ließ sich Etheridge überreden und "quälte sich durch die Gift- therapie", am schmalen Grat zwischen Überdosierung und Rückkehr des Tumors. Das Resümee ihrer Selbsterfahrung fiel demnach recht deutlich aus: "Solange so primitive Arzneimittel zur Verfügung stehen, die nicht mal einen Unterschied machen, ob der Tumor in der Prostata oder in der Brust sitzt, gibt es für Sie alle hier im Saal noch eine ganze Menge zu tun."

Großartige Ansätze

An den Vorsätzen, Krebs und die meisten anderen Plagen der Menschheit auszurotten, fehlte es nicht. Großartige Ansätze wurden präsentiert: genmanipulierte Viren, die überall im Körper Krebszellen erkennen und töten - die lange ersehnte Waffe gegen Metastasen. Aus dem Knochenmark gewonnene Stammzellen, die speziell aufbereitet die Ursachen von Parkinson im Gehirn beseitigen. Neuartige Gentherapien, Antikörper, Impfstoffe - alle mit riesigem theoretischem Potenzial und ebenso großem praktischem Manko, nämlich der realen Entfernung vom Markteintritt. Nur die wenigsten der Companys hatten auch tatsächlich existierende Produkte anzubieten. Bloß Ideen, Business-Pläne und dazwischen all die mühseligen Phase-eins--zwei-drei-Studien, die nicht nur Unmengen an Geld verschlingen, sondern auch noch höchst selten so ausgehen, wie sich das die Investoren dieser Welt erhoffen.

Und so ging es vor allem um vertrauensbildende Maßnahmen. CEOs und sonstige Entscheidungsträger tummelten sich auf der Suche nach strategischen Partnerschaften auf computervermittelten Blind Dates, wie sie nach dem Vorbild von Singlebörsen in eigenen Rendezvoushallen angeboten wurden. "Das Schwierigste ist es, die unzähligen Geschäftevermittler von jenen zu unterscheiden, die tatsächlich eine Entscheidungsbefugnis haben", sagt Frank Butschbacher, Kommunikator der auf Krebs-Immuntherapeutika spezialisierten Wiener Igeneon. Etwa dreißig Meetings mündeten immerhin in einem konkreten Kooperationsvertrag, der sich allerdings erst im Stadium des Handschlags befindet. Hausaufgaben nahmen die Vertreter der Green-Hills-Gruppe, Michael Tscheppe und Reinhard Zickler, aus Philadelphia mit zurück nach Wien. Die Wunschpartner forderten noch eine umfassendere Evaluation der wissenschaftlichen Daten des Green-Hills-Hoffnungsträgers Melvir, eines neuartigen Diagnoseverfahrens für Krebs. Erst dann will sich der potenzielle Lizensierungspartner festlegen.

Den Kugelschreiber bereits gezückt hat Thomas Fischer, Geschäftsführer von Austrianova, der mit dem Abschluss eines Vertrags für den Exklusivvertrieb ihrer NovaCaps eine Premiere feierte: "Unsere Geschäftspartner sind keine Investoren, sondern Vermarkter. Damit haben wir erstmals mit unserem Produkt wirkliches Geld verdient." Und das, obwohl die endgültige Bewährungsprobe der NovaCaps noch bevorsteht. Die Rekrutierung von rund 400 Patienten mit Pankreaskrebs für die Phase-3-Studie läuft nämlich gerade erst an. Und dann wird sich zeigen, ob die Versprechungen aus der zweiten Phase - eine Verdreifachung der Ein-Jahres-Überlebensrate im Vergleich zu den Patienten der Kontrollgruppe - auch hält. "Dann stünden uns natürlich alle Türen offen", sagt Walter Günzburg, der gemeinsam mit Brian Salmons die wissenschaftliche Leitung besorgt. "Theoretisch wäre unser Prinzip für alle Krebsarten einsetzbar." Mit den NovaCaps werden wirkstoffproduzierende lebende Zellen in einer Zellulosehülle verpackt und unmittelbar ins Tumorgewebe eingeschleust. Die patentierte Hülle dient dazu, die Zellen vor dem Gegenangriff des Immunsystems zu schützen.

Hohes Anlegerrisiko

Ähnlich hörten sich die meisten Innovationen am Kongress an: Extrem hohes Potenzial bei gleichzeitig auch extrem hohem Risiko für die Anleger. "Die Investoren werden zunehmend risikobereiter", freut sich Rudy Pandjaitan, Geschäftsentwickler beim Wiener Start-up Eucodis, das erst kürzlich eine strategische Kooperation mit einer Tochter des Pharmagiganten Sanofi-Aventis unterzeichnen konnte. Insgesamt liegt der Anteil des internationalen Venture-Kapitals, das in Biotechnologie investiert wird, aber erst knapp über zwanzig Prozent. "Und gerade dort, wo es am dringendsten benötigt wird, nämlich in den ersten Phasen der Entwicklung von Medikamenten, wird es am zögerlichsten investiert", so Siegfried Bialojan, Direktor der deutschen Filiale der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young.

Umso wertvoller sind die öffentlichen Anreize für eine Betriebsansiedlung. Und hier überbieten sich die Regionen mit den diversen Steuerzuckerln und Investitionszuschüssen gegenseitig. Speziell die chinesischen, indischen und koreanischen Ansiedelungs-Agenten vergessen dabei auch nie zu erwähnen, dass in ihren Ländern wenig politische Vorbehalte gegenüber Gentech-, Stammzellforschung oder Klonversuchen bestehen.

Eine Trumpfkarte, die Michael Beranek bei den Versuchen, sein brandneues Biotechnologiezentrum in Krems zu besiedeln, nicht ausspielen konnte. Und so ging er mehr und mehr dazu über, das Glück in der Nähe zu suchen und die Nachbarn im eigenen Österreich-Pavillon, wo auch die Biotech-Fördereinrichtung Life Science Austria Vienna Region vertreten war, zu umwerben. Mit Erfolg. "Am ersten Juli", sagt Beranek "sperren wir auf - und 700 der 1000 Quadratmeter sind bereits unter der Haube. (Bert Ehgartner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 6. 2005)
www.bio2005.org
www.vienna.lifescienceaustria.at
www.awsg.at

  • Bild nicht mehr verfügbar

    In Philadelphia wurde vergangene Woche nicht nur im Kongresszentrum mit der Biotechbranche konfrontiert, auch Werbeplakate in der Stadt und in Bahnhofstationen machten auf das Ereignis Bio2005 aufmerksam

Share if you care.