Auch das organisierte Verbrechen investiert nicht mehr in Italien

12. Juli 2005, 13:31
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Die Mafia mordet nicht mehr, sondern sie beherrscht die Finanzszene - Im Kampf gegen sie hofft Sizilien auf die Unterstützung Europas

Die italienische Wirtschaft befindet sich in einer Sackgasse. Die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie sinkt, die Fremdenverkehrseinnahmen stagnieren, die Infrastrukturen sind veraltet. Die Investoren machen einen großen Bogen um das Land. Und selbst das organisierte Verbrechen, die Mafia, investiert nicht mehr in Italien, sondern im Ausland.

"Die junge Mafia beherrscht in Sizilien das Finanz- und Auftragswesen", berichtet Leoluca Orlando, Ex-Bürgermeister von Palermo und renommierter Bekämpfer des organisierten Verbrechens, im STANDARD-Gespräch.

Zwar bezieht sich der Ex-Bürgermeister nicht direkt auf das Hängebrücke-Projekt, das künftig Sizilien mit dem Festland verbinden soll. Für die italienische Presse steht jedoch fest, bei diesem handle es sich um ein "Manna" für die Mafia. Nicht umsonst haben sich bereits sämtliche ausländische Interessenten, darunter auch die österreichische Strabag vom Projekt zurückgezogen.

Die Mafia beherrscht die Finanzszene

Die Mafia von heute agiert nicht mehr in ihren alten Gutshäusern, sondern im Internet. Sie mordet nicht mehr, sie beherrscht nicht mehr die kriminelle, sondern die Finanzszene. Und schon längst investiere das organisierte Verbrechen nicht mehr in Italien, sondern ziehe andere Länder als Investitionsstandorte vor, so Orlando.

Die Regierung beweist sich dem ehemaligen Bürgermeister von Palermo zufolge für die Tätigkeiten der Mafia als äußerst nützlich. "Wenn ein Minister (in diesem Fall Transportminister Lunardi, Anm.) zugibt, man müsse mit der Mafia leben, wenn ein Regierungschef bestätigt, dass die Stütze der italienischen Wirtschaft die Schwarzwirtschaft ist, bedeutet dies, dass die kriminellen Organisationen nichts zu befürchten haben."

Einzige Chance Europa

Europa sei die einzige Chance, dass Sizilien aus seinem "Loch" komme. Die Europäische Union könne helfen, den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen "Analphabetismus" - die Basis für den Erfolg der Mafia - zu stoppen. Vor allem im künftigen Mittelmeereuropa könne Sizilien eine tragende Rolle spielen. "Es ist uns gelungen, die alte Mafia zu besiegen, nun müssen wir die junge Mafia bekämpfen. Dies ist nur mit politischer Unterstützung möglich." (Thesy Kness-Bastaroli aus Palermo, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.6.2005)

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    Mafia-Bekämpfer Orlando: "Die junge Mafia beherrscht die Finanzszene."

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