Die Iraner kürten ihren Robin Hood

5. Juli 2005, 13:53
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Der Sieg von Ahmadinejad ist nicht allein durch Wahltricks der Konservativen zu erklären

Der Text war kurz und präzise formuliert: "Ich habe nicht vor, mich bei denjenigen über die Ungerechtigkeiten zu beschweren, die gezeigt haben, dass sie weder den Willen noch die Macht haben, sie zu verhindern", schrieb der unterlegene Kandidat bei den iranischen Präsidentenwahlen, Ali Akbar Hashemi Rafsanjani, in einem offenen Brief am Samstagabend an das iranische Volk. "Aus öffentlichen Mitteln wurden Milliarden investiert, um meinen und den Ruf meiner Familie zu ruinieren. Außerdem haben verschiedene Institutionen ihre Macht dazu missbraucht, den Ausgang der Wahlen zu beeinflussen", schrieb er weiter.

Der Sieger, Mahmud Ahmadinejad, zeigte sich nach den Wahlen staatsmännisch und veröffentlichte - wie von langer Hand vorbereitet - seinen Strategieplan für die Zukunft.

Die neunte iranische Präsidentenwahl hat die Machtverhältnisse im Iran total neu gemischt. Gruppen, die seit Jahren als Hardliner und Opposition agierten, haben nun die Macht, ihre Ideen zu verwirklichen. "Nun kann man nicht mehr aus der Kontrolle geratene, unbekannte Gruppen oder parallel zur Regierung gebildete Institutionen verantwortlich machen", schreibt die liberale Zeitung Sharg in einem Kommentar.

Gleich nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse, als Anhänger Ahmadinejad in verschiedenen Stadtteilen Teherans auf die Straße strömten, erteilte der religiöse Führer den Befehl, jede Kundgebung zu unterlassen. Ayatollah Ali Khamenei hat außerdem in seiner ersten Erklärung nach der Wahl alle Gruppen aufgefordert, zusammenzuarbeiten. Er bezeichnete Hashemi Rafsanjani, dem zuletzt ein schlechtes Verhältnis zu ihm nachgesagt wurde, als einen Pfeiler der islamischen Republik und würdigte seine Verdienste um die Revolution.

Antwort auf Boykott-Aufruf

Die Diskussionen über den Wahlausgang haben erst begonnen. Im Gegensatz zu den Reformern, die den Wahlausgang auf die Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen und auf schlechte Aufklärung zurückführen, sehen die konservativen Blätter den Sieg Ahmadinejad als Antwort auf die Boykott-Aufforderungen des Auslands und die feindliche Haltung der USA gegenüber dem Iran. Aber auch als Antwort auf wirtschaftlichen Missbrauch: "Ahmadi-Nejad hat sich als einfacher und ehrlicher Mann des Volkes, der mit Staatsgeldern den Armen helfen will, präsentiert. Das ist bei den Wählern angekommen", schreibt Jomhouri Eslami, die bis zuletzt Rafsanjani unterstützte. Eine Art iranischer Robin Hood.

Ergebnis vor Wahlschluss

Das Sprachrohr der Erzkonservativen, Keyhan, verkündete, wie bei der ersten Wahlrunde, als erste Zeitung im Iran den Wahlausgang und präsentierte diesmal ihre erste Seite mit dem Titel "Das Volk hat entschieden" schon am Freitagabend um 22 Uhr - bevor die Wahllokale geschlossen wurden - im Internet. Sie schrieb genussvoll: "Die Reformer haben auf allen Ebenen versagt, und nun müssen sie erkennen, dass ihre Strategie nicht mit den wahren gesellschaftlichen Verhältnissen im Iran übereinstimmt."

Wie es möglich war, dass mit Rafsanjani einer der ältesten Pfeiler des konservativen Establishments als Hoffnungsträger der Reformer übrig blieb, bedarf nach Meinung eines Führungsmitglieds der Mosharekat-Partei im Gespräch mit dem STANDARD noch einer langen Diskussion. Mosharekat war die stärkste Reformpartei im sechsten iranischen Parlament, hat aber bei den letzten Wahlen vor zwei Jahren ihre Mehrheit verloren.

"Die Konservativen haben mit ausgeschalteten Scheinwerfern in letzter Minute ein erfolgreiches Überholmanöver gemacht, das von langer Hand vorbereitet war", meint er weiter. "Wir haben immer gewusst, dass sie einen versteckten Kandidaten in letzter Minute präsentieren wollen. Im Gegensatz zu den Konservativen haben wir mit offenen Karten gespielt. Aber wir haben es nicht geschafft, unsere Pläne den Leuten nahe zu bringen."

Nach offizieller Mitteilung des Innenministeriums war die Wahlbeteiligung bei der Stichwahl mit 28 Millionen um eine Million Stimmen geringer als bei der ersten Runde - ein klares Zeichen, dass es Rafsanjani nicht gelungen ist, die Wähler zu mobilisieren. Mehr als 600.000 Stimmen waren ungültig. 61,8 Prozent haben Ahmadinejad gewählt, 37 Prozent Rafsanjani. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2005)

Von Amir Loghmany aus Teheran
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Eine junge Frau in Teheran feiert den Wahlsieg von Mahmud Ahmadi-Nejad, der sich als Kämpfer für die Entrechteten profilierte.

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