"Hier spricht das alte Südteheran"

16. Juli 2005, 17:12
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Iranist Bert Fragner im STANDARD-Interview: Mit Ahmadinejad kommt eine völlig neue Art iranischer Politiker an die Macht

STANDARD: Ihre Interpretation des Wahlergebnisses?

Fragner: Zunächst einmal ein schönes Zitat aus dem Economist: "Anybody who claims to understand Iran is seriously misinformed." Es zeigt sich wieder einmal, dass der Iran politisch das am wenigsten vorhersehbare Land ist. Im Nachhinein lässt sich das Wahlergebnis aber doch einigermaßen interpretieren. Die Frustration ist extrem groß; die Leute, die Präsident Khatamis natürliche politische Partner gewesen sind, sind so frustriert, dass sie bei diesen Wahlen völlig ausgestiegen sind. Sie haben in der ersten Runde den Reformkandidaten Mostafa Moien fallen lassen und waren umso bereiter, auch Rafsanjani fallen zu lassen.

STANDARD: Wir dachten, die Angst vor Ahmadi-Nejad sei dafür zu groß.

Fragner: Das ist die Überraschung. Offensichtlich ist der Respekt für Rafsanjani so dürftig gewesen, dass da nichts mehr ging. Sein Ansehen ist auch innerhalb des Iran medial höher eingeschätzt worden, als es dann war.

Rafsanjani wäre, wenn es den Leuten nur um die Liberalisierung der Lebensweise gegangen wäre, selbstverständlich die natürliche Wahl vieler gewesen. Aber es geht eben auch um eine Arbeitslosenquote, die manchmal bei 40 Prozent angesetzt wird, es geht um Wohnungsmangel in allen Verdichtungsgebieten, also bis in die entferntesten Provinzen. Das sind Dinge, die die Administration Khatami sich selbst überlassen hat.

Aber ich sehe noch einen interessanten Punkt: Ahmadi-Nejad ist kein Theologe, er ist 49 Jahre alt, das heißt er war bei der Revolution Anfang zwanzig. Er repräsentiert diejenigen, die damals in der Islamischen Revolution 1979 die eigentlichen Akteure gewesen sind. Die Familie stammt vom Land, ist aber nach Teheran gezogen, er ist in Südteheran aufgewachsen und hat dort ein technisches Training absolviert, später an einem Technikum in Narmak Fuß gefasst.

Dort sind sehr viele dieser aufstrebenden Techniker - der sich akademisierenden männlichen Industriearbeiterjugend - untergekommen. Narmak ist auf diese Art und Weise in den 70er-Jahren ein Zentrum des religiösen Denkens und Empfindens geworden - und zwar eines ohne Uminterpretierung der Religion zu einer sozialrevolutionären Ideologie. Dort war tatsächlich eine nicht zu unterschätzende junge Generation, die ihr sozialrevolutionäres Engagement direkt aus der Religion gelesen hat.

In dem Sinn mag es so sein, dass sich jetzt eigentlich zum ersten Mal die Macher der Revolution zu Wort gemeldet haben - nicht die, die sie angeführt haben, und nicht die, die sie intellektualisiert haben und dann sowieso als Erste abgesprungen sind, und nicht die, die sie dann in der Zeit Khatamis als gegeben hingenommen haben und gesagt haben: "Jetzt haben wir halt eine Islamische Republik, machen wir das Beste daraus."

STANDARD: Also ging es auch um Religion bei dieser Wahl?

Fragner: Primär geht es wohl um eine sozialpolitische Orientierung, die eingebettet in eine generelle Debatte der Umverteilung von oben nach unten ist: eines der erklärten Ziele der Revolution und eines, das für Khomeini und seinesgleichen nicht erst durch eine mühsame, metaphernreiche Ideologisierung des Islam herzustellen war - so wie für die Ex-Marxisten, die dadurch in der Lage waren, den Islam als Ersatz-Marxismus hinzunehmen. Sondern für die Leute ist das der authentische Ton. Hier spricht sozusagen das alte Südteheran aus Schah-Zeiten.

Was ich nun noch nicht klar einschätzen kann: Dieses alte Südteheran aus den Schah-Zeiten ist nach meinem Dafürhalten eigentlich nicht mehr so, wie es damals war. Die 26 Jahre Islamische Republik sind ja nicht spurlos vorbeigegangen. Es sind ja gerade die unteren Mittelschichten und die unteren Schichten in der Islamischen Republik, die von einem wie auch immer zu beurteilenden Modernisierungsprozess erfasst worden sind. Sie sind in einer ganz anderen Form in das moderne, globalisierte Leben eingebunden, als sie es vor 26 Jahren gewesen sind.

Ob sich da jetzt in der Wahl des Ahmadi-Nejad im Tieferen sozusagen eine Nostalgie, eine Sehnsucht nach den Frontstellungen der damaligen Zeit abzeichnet, oder ob das einfach eine Verzweiflungsaktion gewesen ist - weil die Leute eben offensichtlich tatsächlich mit ihrer Armut, ihren materiellen, sozialen und wirtschaftlichen Problemen ernsthafter belastet sind als mit der Frage, wie sie sich anziehen sollen, als wir das von außen her manchmal glauben -, das ist die große Frage. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2005)

Mit Bert Fragner sprach Gudrun Harrer

Zur Person

Bert Fragner (63) ist seit 2003 Direktor des neuen Institutes für Iranistik an der Akademie der Wissenschaften in Wien. In Österreich geboren, hat er fast seine gesamte Wissenschaftskarriere in Deutschland zugebracht, zuletzt ab 1989 als Iranistikprofessor an der Universität Bamberg.

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    Skeptisch beobachten Teheranerinnen die Anhänger Ahmadi-Nejads beim Feiern. Dieser betonte nach dem Wahlsieg in seinem Strategiepapier, dass Frauen in der Islamischen Republik die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten haben sollen wie Männer.

  • Iranist Bert Fragner: Vielleicht wird ja Ayatollah Khameini in Zukunft die Rolle spielen, die ihm Khatami bisher vermasselt hat: die des milden, freundlichen Opapas.
    foto: standard/hendrich

    Iranist Bert Fragner: Vielleicht wird ja Ayatollah Khameini in Zukunft die Rolle spielen, die ihm Khatami bisher vermasselt hat: die des milden, freundlichen Opapas.

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