Siemens-Chef drückt bei Innovation aufs Tempo

4. Juli 2005, 10:34
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Bedeutung von Sparmaßnahmen in Frage gestellt

Siemens-Chef Klaus Kleinfeld hat von seinem Industriekonzern mehr Tempo bei Innovationen gefordert und die Bedeutung von Sparmaßnahmen in Frage gestellt. Vor allem bei den hinter den Renditezielen zurückliegenden Sparten Communications und Business Services sei Innovationskraft der Schlüssel zum Erfolg, und nicht Sparmaßnahmen, sagte Kleinfeld dem Magazin "Der Spiegel" in einem am Samstag vorab veröffentlichten Interview.

"Kostenstrukturen sind letztlich nur ein Hygienefaktor"

Von den 13 Konzern-Sparten lieferten sieben bereits die weltweit angestrebten Renditen, vier seien auf "gutem Weg", sagte Kleinfeld, der seit Ende Januar an der Spitze des Konzerns steht. "Kostenstrukturen sind letztlich nur ein Hygienefaktor", sagte der Siemens-Chef weiter. "Den 'Krieg' gewinnen sie mit Ideen, nicht mit Sparmaßnahmen." Siemens müsse schneller werden: "Schneller die Zukunft sehen, schneller Patente anmelden, schneller auf Kundenwünsche eingehen", forderte Kleinfeld.

Wachstum

Das Ziel, dass der Konzern unter seiner Führung doppelt so stark wächst wie die Weltwirtschaft, bezeichnete Kleinfeld als "zu schaffen". Mindestens die Hälfte des Wachstums müsse organisch sein, Übernahmen seien aber auch ein wichtiges Instrument. Siemens verfügt über finanzielle Mittel in Milliardenvolumen für Übernahmen.

Preise bei Gas und Erdöl

Angesichts der weltweit steigenden Preise bei Gas und Erdöl und einer weltweiten Unterversorgung mit alternativen Energien will Kleinfeld mehr in Windkraft investieren. "Wir selbst haben in den letzten Jahren Windkraft-Aktivitäten erworben und sind dort praktisch ausverkauft. Deshalb werden wir weitere Kapazitäten aufbauen", sagte der Siemens-Chef.

Mobiltelefon-Sparte

Den Anfang Juni verkündeten Verkauf der defizitären Mobiltelefon-Sparte an den taiwanischen Hersteller BenQ verteidigte Kleinfeld als ökonomisch sinnvoll und als "tragfähige Lösung" für Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre. "Ich bin mir sicher, dass ein US-Konzern gepriesen worden wäre für eine weitsichtige Lösung, wie wir sie nun gefunden haben", sagte er.

Chance

Die Mitarbeiter bekämen eine Chance unter einem Eigentümer, der voll auf Wachstum setze. Er gehe nicht davon aus, dass BenQ viele Arbeitsplätze nach Asien verlagern werde: "Das Hauptquartier der neuen Einheit wird München. Das bisherige BenQ-Geschäft wird darin aufgehen. Alle Standorte und Mitarbeiter werden übernommen. So etwas macht ein Unternehmen doch nicht, wenn es für einen Standort keine Zukunft erwartet."

Nur erfolgreiche Geschäfte schafften sichere Arbeitsplätze.

Kleinfeld kritisierte erneut Äußerungen der IG Metall, die im Zusammenhang mit dem Verkauf der Siemens-Handy-Sparte mit der Kündigung eines wichtigen Ergänzungstarifvertrags gedroht hatte. "Im Sinne des örtlichen Betriebsrates und der Belegschaft" sei diese Diskussion jedenfalls nicht, sagte er dem "Spiegel". Nur erfolgreiche Geschäfte schafften sichere Arbeitsplätze.

IG-Metall-Tarifexperte Oliver Burkhard hatte dem Münchener Konzern einen Bruch der Standortsicherungsvereinbarung vorgeworfen, die auch für das Handy-Werk in Kamp-Lintfort gilt, und Siemens sowie BenQ zu konkreten und belastbaren Vereinbarungen aufgefordert. Durch den Vertrag wurde unter anderem die Arbeitszeit ohne Lohnausgleich von 35 auf 40 Stunden verlängert, Siemens sicherte eine Standortgarantie für das Handy-Werk sowie für das vom Verkauf nicht betroffenen Werk für Schnurlos-Festnetztelefone in Bocholt bis Sommer 2006 zu.

BenQ

Nach monatelanger Partnersuche hatte Siemens Anfang des Monats angekündigt, die Handy-Sparte ganz an BenQ, eine Ausgründung des Elektronikkonzerns Acer, abzugeben und dafür eine Ergebnisbelastung von 350 Millionen Euro in Kauf zu nehmen. BenQ soll dabei die weltweit mehr als 6000 Mitarbeiter der Handy-Sparte einschließlich des Produktionswerkes in Kamp-Lintfort übernehmen. In dem Werk sind allein mehr als 4000 Menschen beschäftigt. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2004/05 (zum 30. September) hatte die Handy-Sparte das Ergebnis des Münchener Konzerns mit 138 Millionen Euro Verlust belastet.

Festnetz

Siemens-Vorstand Thomas Ganswindt sagte unterdessen dem "Tagesspiegel" (Samstagausgabe), der Konzern wolle sich nicht von seinem Festnetz-Geschäft trennen. "Wir sehen im Festnetz erhebliche Innovationspotenziale und eine enge Verbindung mit unserem Infrastrukturgeschäft", sagte Ganswindt. Der Bereich gehöre zum Kerngeschäft. Im Bocholter Werk, wo zurzeit unter anderem Schnurlostelefone produziert würden, wolle Siemens auch andere Endgeräte herstellen, beispielsweise für den Zugang zum Internet.(APA/Reuters)

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