Sprengt die Handymasten! - ein Kommentar

4. Juli 2005, 11:32
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Was einem Nichthandybesitzer derzeit so durch den Kopf geht - von Kurt Palm

Da ich viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin, kenne ich mittlerweile so viele Leute, dass ich das Gefühl habe, Teil einer riesigen, völlig durchgeknallten Familie zu sein. Ich weiß zum Beispiel, wo sich in Schurlis Kühlschrank das Gulasch befindet, ich weiß, welche Farbe das Kondom hatte, das Gabis Exfreund benutzte, als er mit Birgit vögelte, und ich weiß auch, dass der Typ, der eine Ausbildung zum Piloten macht, ein Arsch ist, weil er ständig für irgendwelche Prüfungen lernen muss, anstatt mit Iris auszugehen.

Geschichten, die täglich erzählt werden

Das ist nur ein winziger Bruchteil der Geschichten, die mir täglich erzählt werden. Egal, ob ich sie wissen will oder nicht. Die Leute erzählen und erzählen, und wenn sie nichts mehr zu erzählen haben, werden sie nervös, fummeln an ihren Handys herum, bis sie jemanden gefunden haben, dem sie wieder etwas erzählen können. Und ich bin immer dabei. Tagtäglich. Bis ich sterbe. Außer es werden alle Handymasten in die Luft gesprengt, oder es wird eine Steuer auf Handymasten eingeführt. Und dieser Tag könnte bald kommen – oder auch nicht.

Als hätte man gerade ihr letztes Handy gestohlen

An dem Tag jedenfalls, an dem die niederösterreichische Landesregierung die Handymastensteuer beschloss, habe ich mir die "Zeit im Bild" ohne Ton angesehen, weil ich gerade von meinem Festnetz aus telefonierte. Dabei ließ der Gesichtsausdruck einzelner Politiker zunächst befürchten, dass eine gröbere Katastrophe passiert wäre. Der Vizekanzler verdrehte die Augen, als hätte ihm sein Spezi aus Kärnten soeben mitgeteilt, dass es ab morgen eine neue Parteifarbe gäbe; auf der Stirn des Chefs der Industriellenvereinigung bildeten sich staatsmännische Falten, die an den Grand Canyon erinnerten, und ein paar Herren in fast identen Businessanzügen schnitten Grimassen, als hätte man ihnen gerade ihr letztes Handy gestohlen.

Steuer

Als ich wieder den Ton einschaltete, klärte sich alles auf: Diese Leute regten sich nicht über ein menschenunwürdiges Asylgesetz in Österreich auf, sie empörten sich nicht darüber, dass in diesem Land immer mehr Leute verarmen, sie waren nicht entsetzt über Politiker, die den Holocaust anzweifeln, nein, sie tobten, weil die niederösterreichische Landesregierung eine Steuer auf Handymasten einheben möchte.

In Österreich gibt es 18.000 Handymasten, die nicht nur die Gegend verschandeln, sondern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch gesundheitsschädigend sind. Kann mir bitte jemand erklären, was dagegen spricht, diese Masten massiv zu besteuern? (Allerdings gebe ich gerne zu: Mit diesem Argument könnte man auch eine Hansi-Hinterseer-Steuer einführen – dazu ein andermal.)

Populismus

Aber diese Debatte zeigt wieder einmal auf eindrucksvolle Weise, wie tief das politische Niveau in diesem Land bereits gesunken ist. Weil sie wissen, dass ihr Populismus in diesem Fall auf fruchtbaren Boden fällt, ziehen bestimmte Politiker sämtliche Register ihres zweifelhaften Könnens und faseln etwas von "gefährdeter Grundversorgung", "eingeschränkter Mobilität" und "Angriff auf die Informationsgesellschaft".

"Geldbeschaffungsaktion"

Sehr oft hört man auch das Wort "Geldbeschaffungsaktion", die es strikte abzulehnen gelte. Wo waren diese Herren in den letzten fünf Jahren, als Dutzende Gesetze beschlossen wurden, die tatsächlich brutale Geldbeschaffungsaktionen waren und die an die Substanz Hunderttausender Österreicherinnen und Österreicher gingen? Wo waren sie, als die Studiengebühren eingeführt wurden? Wo waren sie, als die Pensionen gekürzt wurden?

Richtig, sie gehörten zu denjenigen, die diese Gesetze mitbeschlossen hatten. Und jetzt regen sie sich über ein Gesetz auf, das den multimillionenschweren Handybetreiberfirmen ein paar Millionen Euro pro Jahr kostet! Na und?

Lehrstück

Für alle, die wissen möchten, wie der Kapitalismus unserer Tage funktioniert, der soll sich dieses Spektakel genauer ansehen, das ein Lehrstück für die Mechanismen des Zusammenspiels zwischen Staat und Großkapital ist. Leider ist dieses Stück aber nicht lustig, weil darin ausschließlich Schmierenkomödianten mitspielen.

Und wie es ausgeht, wissen wir auch schon. Am Schluss werden die Zuschauer zur Kasse gebeten.(Der Standard Printausgabe, 25./26. Juni 2005, Kurt Palm)

Kurt Palm lebt als handyloser Autor und Regisseur in Wien. Zuletzt kam sein Film "Der Wadenmesser oder "Das wilde Leben des Wolfgang Mozart" in die heimischen Kinos.

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