Geistesblitz: Die Androgynität als leitendes Lebensmotiv

3. Juli 2005, 19:49
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Die Romanistin Friederike Hassauer erforscht die Geschichte des europäischen Geschlechterstreits

Von der 68er-Bewegung sei sie zwar intellektuell sozialisiert worden, erzählt Friederike Hassauer, als "jüngere Schwester" habe sie damals, 17-jährig, aber auch einen freien Blick hinter die Kulissen gehabt: "Ich habe gesehen, wer den Kaffee kochen musste - auf der persönlichen Ebene jedenfalls hat die Revolution nicht stattgefunden!" Als sie einige Jahre später mit einem Stipendium in die USA kam und dort eine im Vergleich zu Europa beträchtlich avanciertere Frauenbewegung erlebte, stand bald fest, dass der Streit der Geschlechter ihr großes Thema war.

Die Leidenschaft, mit der sie daran arbeitet, haben auch drei Jahrzehnte Frauenbewegung und ihre Position als Universitätsprofessorin für Romanistik an der Wiener Uni nicht schwächen können. Gefühle der Frustration schließt das natürlich nicht aus: "Mich ärgert das Missverhältnis zwischen den beachtlichen Energien, die in die Veränderung der Geschlechterverhältnisse fließen - Förderungen, Quotenregelung, Frauenbeauftragte, Gender-Mainstreaming und mehr - und dem ausbleibenden Erfolg all dieser Maßnahmen. In den Führungsetagen sitzen trotz aller strukturellen Verbesserungen immer noch nicht mehr als fünf bis sieben Prozent Frauen!" Hier gebe es eine "gläserne Decke", die Frauen davon abhalte, ganz nach oben zu kommen und das auch zu wollen, ist Hassauer überzeugt. Ihre wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte des Geschlechterstreits solle helfen, dieses aktuelle Scheitern zu verstehen.

Für ihre jüngste Publikation Heißer Streit und kaltes Wissen hat sie Dokumente dieses europäischen Streits aus dem "intellektuellen Genpool" der vergangenen sechs Jahrhunderte ausgegraben. Zentraler Antrieb dabei war und ist der Gedanke, dass alte Modelle und Argumente durchaus (re)aktivierbar sind: "Wenn es zu Modernisierungsschüben kommt, muss man auf dieses Reservoir zurückgreifen, um die Verhältnisse zu verändern."

Der Blick zurück fasziniere sie nicht nur durch "das starke Energiefeld, in das man beim Lesen dieser historischen Texte eintaucht", sondern erkläre auch die mäßigen Erfolge der Gegenwart: "Die Ursache sehe ich in großen historischen Argumenten, dem kalten Wissen, das in unserer Kultur stark verankert ist." So herrsche bis heute die Vorstellung, "dass eine Frau, die sich zu sehr bildet, also die Geschlechtergrenzen überschreitet, vermännlicht. Dieses Vorurteil trifft auch heute noch sämtliche Frauen in Spitzenpositionen". Fehlende Strukturen - etwa zur Kinderbetreuung - seien da nur "die Spitze eines Eisbergs".

Den Anspruch gesellschaftspolitischer Relevanz stellt Hassauer nicht nur an ihre Forschung - auch "das Private ist das Politische", ist sie überzeugt und demonstriert anhand der eigenen 30-jährigen Beziehung mit dem Schriftsteller Peter Roos, wie man konsequent traditionelle Rollenmuster unterläuft. Dabei kann es vorkommen, dass er die Wäsche macht, während sie Vorlesungen hält. "Wir überschreiten beide bewusst unsere Geschlechtergrenzen", bekennt sich Hassauer zu einer Art "Pilot-Lebensform", die in unserer Gesellschaft zunehmend notwendig werde. "Androgynität als Lebensprinzip" und gemeinsame Geschlechterforschung am eigenen Fall machen das Zusammenleben zum gesellschaftspolitischen Experiment. (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26. 6. 2005)

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    illustration: standard/oliver schopf
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