Dieses seltsame Öl

31. Juli 2005, 17:52
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Bisher entzog sich der wichtigste aller Rohstoffe der wirtschaftlichen Schwerkraft

Der hohe Ölpreis lastet schwer auf der Wirtschaft. Kein Rohstoff schlägt sich so schnell und gründlich in den Teuerungsraten fast aller Produkte nieder: Überall wird Energie zur Erzeugung oder zum Transport von Gütern benötigt und an die Kunden weitergegeben. Und Preissteigerungen sowie hohe Benzinrechnungen schlagen sich in allgemeiner Kaufzurückhaltung nieder. Öl war seit dem ersten Ölschock in den Siebzigern die Achillesferse der Wirtschaft und ist es geblieben.

Dabei gehen Konsumenten wie Industrie wenig rational mit dem Phänomen Ölpreis um.

So haben sich Brot und auch andere Grundnahrungsmittel seit den 70er-Jahren deutlich stärker verteuert als Benzin, und niemand protestierte bisher dagegen, während begnadete Energiepolitiker wie FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache eine amtliche Benzinpreisregelung forderten. Wirtschaftsminister Martin Bartenstein müsse "die zu erwartende Preisentwicklung bereits im Vorfeld abfangen", meinte Strache. Da wird die Opec aber schauen.

Die Phase des "künstlichen Niedrighaltens" ist vorbei

Doch auch die Industrie agiert bei den Ölpreisen erstaunlich irrational. Dass ein immer knapper werdendes Gut bei zusätzlich stark steigendem Verbrauch teurer wird, sollte keine allzu große Überraschung sein. Je nach Analyse reichen die Ölvorräte der Erde noch 30 bis 50 Jahre, bei anhaltendem Boom in China und Indien könnten es aber auch nur noch 20 bis 25 Jahre sein, meinen Experten. Überraschend ist dabei eher, dass der Ölpreis vor diesem Hintergrund über viele Jahre konstant niedrig bei 20 bis 25 Dollar blieb und sich der wirtschaftlichen Schwerkraft offenbar entzog. "Das war eine Phase, in der durch zu hohe Förderung der Preis künstlich niedrig gehalten wurde", meint das angesehene Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo. Diese Phase sei jetzt vorbei und komme auch nicht wieder.

Die niedrigen Preise für Rohöl hatten neben den angenehmen Effekten niedriger Energiepreise und damit verbundenem hohem Wachstum auch negative Auswirkungen. In Österreich beispielsweise gab es von 1990 bis heute keine Effizienzsteigerungen im Energieverbrauch, geht aus einer Wifo-Studie hervor - warum auch. Alle alternativen Ansätze - ob Sonne, Wind, Biomasse, Kleinwasserkraft - scheiterten an den niedrigen Ölkosten.

Perfektes Spekulationsobjekt

Neben dem stark steigenden Verbrauch gibt es aber noch einen anderen Faktor, der die Preise treibt und der nicht so vorhersehbar war: Die Finanzmärkte haben Öl als perfektes Spekulationsobjekt entdeckt. Allein in den USA gibt es bereits mehr als 8000 Hedgefonds (aber nur rund 4000 börsennotierte Unternehmen), die Milliarden in Terminkontrakte investieren und so einen Verbrauch simulieren, den es nicht gibt. Dem Gewinn der Aktionäre steht ein messbarer volkswirtschaftlicher Schaden gegenüber. Würden nur zehn Prozent des in Öl investierten Geldes in Kaffee investiert werden, könnte sich kaum mehr ein Mensch auch nur eine Tasse leisten, meinte einer der bekanntesten Hedgefondsmanager in New York zum STANDARD. Und zu den wichtigsten Kunden so mancher Hedgefonds zählen auch reiche Anleger aus den Opec-Staaten, die Gewinne aus den Ölgeschäften gleich wieder in neue Ölkontrakte investieren und so die Preise hoch halten.

Unter dem Strich kann man davon ausgehen, dass Öl - wie Stahl, Eisen, Kupfer, Aluminium und andere Rohstoffe - kaum mehr auf die niedrigen Niveaus der Neunzigerjahre fallen werden. Würde jeder Chinese so viel Öl verbrauchen wie der Durchschnitts-US-Bürger, verheizte China allein die gesamte Ölförderung der Welt.

Damit liegt aber auch auf der Hand, dass vor allem die USA ihren grenzenlosen Ölverbrauch einschränken müssten, um die Preisentwicklung zu bremsen - doch danach sieht es leider nicht aus. Spätestens in zwei bis drei Jahren, wenn Indien ähnliche Zuwachsraten wie China erreicht, wird es aber so weit sein: Dann soll der Ölpreis bereits die 100-Dollar-Marke überschritten haben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25./26.6.2005)

Von Michael Moravec
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