"Stirbt die Rübe, stirbt das Land"

12. Juli 2005, 14:50
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Rübenbauern und Zuckerindustriearbeiter wehren sich vehement gegen die Brüsseler Zuckermarktverordnung

Wien - "Wir lassen uns nicht opfern", erklärten am Freitagvormittag Rübenbauern und Zuckerindustriearbeiter zum Auftakt einer Protestveranstaltung in Wien. Sie fürchten, dass bei der geplanten neuen EU-Zuckermarktordnung jeder vierte Zuckerrüben-Landwirt aufgeben muss und 1.000 Arbeitsplätze in der Zuckerindustrie verloren gehen würden.

Die EU-Staaten wollen bei der kommenden Marktordnung den Garantiepreis für Zucker von derzeit 632,9 Euro pro Tonne schrittweise bis 2009/10 auf einen Richtpreis 385,8 Euro je Tonne senken und ihn damit an die üblichen Weltmarktpreis von rund 200 Euro je Tonne annähern.

"Politik auf den Rücken der arbeitenden Menschen"

"Die Brüsseler Anschaffer müssen endlich zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht Politik auf den Rücken der arbeitenden Menschen machen", betonte Rainer Wimmer, Vorsitzender der Gewerkschaft Agrar-Nahrung-Genuss.

Sollte es zu Einsparungen von Seiten der EU kommen, fordere er einen nationalen Ausgleich. "Wir werden gut 25 Prozent unserer Einnahmen im Rübenbau verlieren", erklärte Ernst Karpfinger, Obmann des Rübenbauernbundes für Niederösterreich und Wien.

Die Bauern räumten aber ein, dass es europaweit durchaus unterschiedliche Interessen bei den Landwirten gebe. Vor allem Großbritannien, aber auch Vertreter aus Deutschland und Frankreich haben sich zuletzt positiv zu den Reformvorschlägen der EU-Kommission geäußert.

Jeder dritte Ackerbauer hat aufgegeben

Die heimischen Landwirte geben zu bedenken, dass in Österreich seit dem EU-Beitritt bereits jeder dritte Ackerbauer das Handtuch geworfen habe. Der Zuckerrübenanbau sei jener Bereich gewesen, wo die Erträge noch gestimmt hätten.

Umso schlimmer würden sich nun die EU-Pläne auswirken, ärgerte sich Karpfinger. Harald Toth, Zentralbetriebsratsvorsitzender der Agrana meinte aber auch, dass an Änderungen im Zuckerbereich kein Weg vorbeiführe. Diese sollten allerdings nicht so schnell und radikal kommen. Die Lohnkosten der Agrana müssten bei den derzeitigen Plänen um 30 Prozent sinken, so Toth.

Keine Vorteile für Entwicklungsländer

Die Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit (AGEZ) sprach sich ebenfalls gegen die geplante EU-Zuckermarktverordnung aus. Diese würde den Entwicklungsländern nichts bringen. Die schwächsten Länder hätten überhaupt keine Chance, zu den angedachten Preisen zu produzieren. Stattdessen würde Zucker zum Spekulationsgut werden.

"Die Einkommensverluste für die AKP-Länder (Afrika, Karibik, Pazifik, Anm.) werden 250 Mio. Euro pro Jahr betragen", warnte die AGEZ. EU-Förderungen für die ärmsten Länder seien "überhaupt nicht vorgesehen". Die EU mache hier eine Politik gegen die Bauern in der Dritten Welt. Profiteure wäre die großen internationalen Konzerne wie die Getränkeindustrie und Großgrundbesitzer.

Gut 1.500 Rübenbauern und Zuckerindustriearbeiter haben sich heute, Freitagvormittag, am Heldenplatz eingefunden, um gegen die geplante EU-Zuckermarktordnung zu protestieren.

"WTO - Bauer K.O."

Der Demonstrationszug marschierte um 10.00 Uhr vom Heldenplatz zur Niederlassung EU-Kommission in den Wiener Ringstraßengalerien. Auf Transparenten war zu lesen: "Stirbt die Rübe, stirbt das Land" und "WTO - Bauer K.O.". Zu Verkehrsbehinderungen kam es nicht, die Demonstranten marschierten am Fahrradweg. (APA)

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AGEZ
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    Österreichs Rübenbauern fühlen sich von der EU gepflanzt.

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