Kolpinghaus: Senioren, Mütter, Kinder, Licht

8. Jänner 2007, 16:51
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Rüstige und pflegebedürftige Alte sowie allein erziehende Mütter mit ihren Kindern leben unter einem Dach

Im Kolpinghaus "Gemeinsam Leben" in Wien-Favoriten leben rüstige und pflegebedürftige Alte sowie allein erziehende Mütter mit ihren Kindern unter einem Dach. Die Angehörigen können im Nebengebäude ihre Wohnung beziehen. Treffpunkte gibt es genug.

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Ein angenehmes Lüftchen durchweht die weitläufige Eingangshalle des Kolpinghauses Gemeinsam Leben an der Ecke Maria-Rekker-Gasse/ Favoritenstraße und streift die hohen Grünpflanzen, die als Raumteiler zwischen den Polstermöbeln des Cafés dienen. Der Blick geht auf einen kleinen japanischen Garten mit Fischteich als Mittelpunkt, dem eine schmale Terrasse vorgelagert ist. Angestellte, Kinder und Besucher queren die offene, lichtdurchflutete Halle. Kurz gesagt: Nichts entspricht den gängigen Vorstellungen eines Alters- oder Pflegeheimes.

Das ist auch die Intention von Ludwig Zack, Bundespräses von Kolping: "Die Idee war, ein besonderes Wohnen für alte Menschen zu ermöglichen, nicht ein herkömmliches Altersheim zu errichten." Die Lebendigkeit des Hauses ist dem Konzept des "Generationen verbindenden Wohnens" zu verdanken, das vor rund zwei Jahren hier erstmals verwirklicht wurde. Hinter den gläsernen Fassaden des Gebäudes leben auf sieben Stöcken sowohl Senioren, die nur wenig Hilfe beanspruchen, als auch alte Menschen, die rund um die Uhr gepflegt werden müssen. 18 Wohnungen sind für die Muki (Mutter-Kind-Einrichtung) reserviert: Hier werden allein erziehende Mütter, begleitet von Sozialarbeiterinnen, in das Berufsleben reintegriert. "Wir wollen die Menschen zusammenführen. Wie im richtigen Leben wohnen hier nicht nur verschiedene Generationen, sondern auch soziale Schichten zusammen, vom ungelernten Arbeiter bis zum Akademiker. Und alle lernen voneinander", erklärt Zack.

Offene Eingangshalle mit Kaffeehaus

Herzstück des Kolpinghauses und Zentrum der Begegnung ist die offene Eingangshalle mit Kaffeehaus - jeder kommt hier vorbei, sei es auf dem Weg ins angrenzende Restaurant, zum Friseur oder zur Kapelle. Dieser offene "Marktplatz", wie das ganze Haus in Birkenholz und Pastellfarben gehalten, war dem Architekten Otto Häuselmayer ein wichtiges Anliegen: "Hier haben auch Menschen mit Gehschwierigkeiten die Möglichkeit, am Geschehen teilzuhaben." An Gelegenheiten zur gemeinsamen Unterhaltung mangelt es nicht: Im Veranstaltungssaal finden oft Konzerte, Lesungen, Heurigen- und Kinoabende statt.

Informelle Begegnungen seien aber zu wenig, betont Zack. "Bei alten Menschen besteht stets die Gefahr, dass sie sich zurückziehen und still werden. Wir wollen, dass sie interessiert sind am Leben und ihre eigenen Kräfte mobilisieren." In der Bastelgruppe, beim gemeinsamen Kochen oder Spazierengehen im nahe gelegenen Park werden ganz automatisch Beziehungen zwischen Alt und Jung geknüpft, sind erst einmal die Berührungsängste überwunden. Die Abteilung mit dem Namen "Lebensqualität" ist dafür zuständig, immer neue Aktivitäten zu erfinden, die therapeutisch wirken, Spaß machen und den Menschen einen Rahmen geben. Dazu gehören auch regelmäßige Besuche von Schulklassen.

Blick in die Halle

Rückzugsbereich sind die Ein- und Zweibettzimmer mit Balkon. Die 38 Appartements für selbstständiges oder betreutes Wohnen sind mit einer Küche ausgestattet, auch eigene Möbel können mitgenommen werden. "Vom Balkon meiner Wohnung im dritten Stock sehe ich bis in die Halle", erzählt Stefanie Divis stolz. Die 90-Jährige ist seit einem Beinbruch auf einen Gehwagen angewiesen und hat als erste Bewohnerin ein Appartement im Kolpinghaus bezogen. Ihr neues Zuhause hat ihr von Anfang an gefallen.

Häuselmayer hat den Grundgedanken der sozialen Vernetzung in Architektur umgesetzt. Nicht nur vom Balkon oder der Dachterrasse hat man eine gute Aussicht, auch spezielle "Sonnenfenster", die durch eine Öffnung im Fußboden beziehungsweise an der Decke je zwei Geschoße zusammenspannen, erlauben Sichtkontakt in das darüber oder darunter liegende Stockwerk. Rund um die Sonnenfenster sind locker Tische gruppiert, die ein beliebter Treffpunkt sind. In jedem Stockwerk gibt es ruhige Sitzgruppen in den Ecken an den Treppenaufgängen und luftige Aufenthaltsräume in den breiten Gängen entlang der Fassade, die den Wohntrakt mit den Pflegestationen verbinden, wo insgesamt 98 Ein- und Zweibettzimmer untergebracht sind.

Das Prinzip der offenen Gemeinschaftsräume hat Häuselmayer, der das gesamte Areal der ehemaligen Schmidstahlwerke geplant hat, auch auf den angrenzenden Trakt übertragen, der ursprünglich Teil des Kolpinghauses sein sollte. Im Laufe der Bauarbeiten wurde entschieden, diese Fläche an die gemeinnützige Wohngenossenschaft "Heimbau" abzugeben, die das Motto "Wir nehmen unsere Eltern mit" übernommen hat. Gewünscht sei, dass die Familien, die hier einziehen, ihre Eltern in unmittelbarer Nähe im Kolpinghaus haben, sagt Heimbau-Direktor Alfred Grossberger. Allerdings trifft das bisher nur für wenige Bewohner zu.

Offenes Ohr

Auffallend ist der familiäre Umgang, den Zack mit den Bewohnern pflegt, ob Kinder oder altersschwache Senioren. Beim Rundgang durchs Haus erkundigt er sich nach deren Befinden und hat ein offenes Ohr für die Anliegen der Mitarbeiter. Das Team besteht aus 180 in- und ausländischen Betreuern, Pflegern und Ärzten und etlichen ehrenamtlichen Helfern - Freiwillige werden immer gesucht. (Karin Krichmayr, DER STANDARD - Printausgabe, 24. Juni 2005)

  • Dass alte Menschen mit jungen Familien in den Gemeinschaftsräumen zusammentreffen, wird vom Kolpinghaus bewusst gefördert - und auch durch die Architektur erleichtert.
    foto: standard/robert newald

    Dass alte Menschen mit jungen Familien in den Gemeinschaftsräumen zusammentreffen, wird vom Kolpinghaus bewusst gefördert - und auch durch die Architektur erleichtert.

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