Über zwei Seiten eines Klassikers

4. Juli 2005, 11:07
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Wimbledon vergisst seine Helden nicht - Pat Cash war peinlich, Lleyton Hewitt hat ihm verziehen - Lindsay Davenport hält sich raus.

Irgendwann enden sie fast alle hinterm Mikrofon. Das ist das Los der ehemaligen Wimbledonsieger. Für zwei Wochen im Jahr werden sie von TV-Anstalten ausgegraben, reanimiert und dürfen dann Journalist spielen. Sie kommentieren, moderieren, analysieren, erzählen, wie es früher war ("besser"), plaudern aus dem eigenen Nähkästchen. Manche schreiben zusätzlich Kolumnen in Zeitungen, wobei schon erwähnt werden soll, dass sie die Texte nicht selbst verfassen. Sonst müsste man ihnen die Hälfte der Gage streichen. Sie sind die Herbert Prohaskas des Tennis.

Boris Becker stolziert im gestreiften Anzug übers Gelände ("ich bin einer von euch, ha, ha"), sogar Michael Stich hat einen Job abbekommen. John McEnroe gilt als der kritischste Selbstdarsteller, er sagt, was gesagt werden muss. Martina Navratilova, die zwischen 1978 und 1990 nur neun Titel im Einzel gewann, steht quasi immer noch drüben auf der anderen Seite, sie tritt im Doppel an. In elf Jahren, wenn sie 60 und in der zweiten Runde gescheitert ist ("jetzt ist wirklich Schluss, die Zeit ist an mir nicht spurlos vorbeigegangen"), könnte sie natürlich zum Fernsehen wechseln.

Aberwitz

Die BBC hat sich Pat Cash geangelt, den Champion von 1987. Und sie musste sich für Pat Cash entschuldigen. Das kam so: Cash, ein Australier, kommentierte das Match seines Landmanns Lleyton Hewitt gegen Jan Hernych. Hewitt hat es in vier Sätzen zu seinen Gunsten entschieden. Als es jedenfalls vorbei war, und die Kamera Hewitts Verlobte Bec Cartwright ins Bild holte, gab Cash den unsäglichen Satz von sich: "I bet she's up the duff." Die künftige Frau Hewitt, eine australischen Seriendarstellerin mit gewagten Sonnenbrillen und Schuhen, ist sichtlich und bis Oktober schwanger. Der vom Aberwitz heimgesuchte Herr Cash beschrieb diesen Umstand live auf äußerst primitive Weise. Er dachte, das Mikrofon sei abgeschaltet, die Technik ist ein blöder Hund.

Die Reaktion von Hewitt war nicht unbedingt ritterlich. Pat besitze eben ein loses Mundwerk, an der Freundschaft ändere das nichts. "Ich bin nicht nachtragend." Hewitt, der Champion von 2002, hat jedenfalls den Sprung in die Klatschspalten geschafft.

Standhaft

Wobei es standhafte Verweigerer gibt. Roger Federer zeigt sein famoses Spiel, das genügt vollauf. Vermutlich auch für Nicolas Kiefer in der dritten Runde. Kim Clijsters hat insofern Pech, als sie lange mit Hewitt liiert/verlobt war. Vor Bec Cartwright, so wild geht es im Tennis auch nicht zu. Clijsters: "Ich denke, es gibt nichts, worüber man sprechen soll. Außer über Tennis."

Als größte Verweigerin gilt freilich Lindsay Davenport. Das hat sich so ergeben. Sie ist die Nummer eins, holte 1999 den Titel. Seit immer schon wird sie nach jeder Partie gefragt, ob es sie nicht störe, nie im Mittelpunkt zu stehen. Davenport sagt "nein, um Gottes Willen", lacht und erzählt schöne Geschichten. Als sie 1993 in Miami erstmals gegen Steffi Graf antreten musste, den ersten Satz mit 0:6 verloren hat und im zweiten bis ins Tiebreak gekommen ist: "Ich habe erst geweint und war dann stolz und glücklich. Das Spiel war bezeichnend für meine Karriere. Danach hatte ich keine Angst mehr."

Dass Davenport hinterm Mikrofon endet, ist nahezu auszuschließen. Lleyton Hewitt hingegen ist ein heißer Tipp, er könnte Pat Cash beerben. (DER STANDARD Printausgabe 24.06.2005)

Christian Hackl aus Wimbledon
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