"Wir sind eben zum Jagen verurteilt"

12. Juli 2005, 15:08
3 Postings

Energie AG Ober­öster­reich-Chef Leo Windtner sieht im STANDARD-Gespräch einen "gi­gan­tischen Wett­be­werbs­vorteil" beim Verbund

STANDARD: Herr Generaldirektor Windtner, Sie stehen als frisch gewählter Präsident seit wenigen Tagen auch dem Verband der Elektrizitätsunternehmen Österreichs vor. Warum sind die Stromfirmen in Österreich so zurückhaltend beim Werben um Kunden?

Windtner: Weil das Preisniveau es nicht zulässt. Beim reinen Energiepreis liegen wir in Österreich signifikant unter dem Niveau beispielsweise von Deutschland. Wenn man bedenkt, dass der Preis für Grundlast an der Leipziger Strombörse von 22 Euro pro Megawattstunde im Jahr 2003 auf nunmehr 41 Euro pro Megawattstunde geklettert ist, und berücksichtigt, dass die meisten Unternehmen Strom zukaufen müssen, sieht man, dass es für Werbung keinen Spielraum gibt. Die Unternehmen haben sogar Schwierigkeiten, die derzeitigen Erhöhungen aus dem Zukauf in den Preisen unterzubringen.

STANDARD: Der Verbund hat aber offenbar doch Geld, um Kunden anzuwerben.

Windtner: Wenn man so viele abgeschriebene Kraftwerke hat wie der Verbund, kann man anders agieren.

STANDARD: Der Verbund hat Kostenvorteile, die die Landesenergieversorger nicht haben?

Windtner: So ist es. Wir haben mehr thermische Kraftwerke, weniger Wasserkraft. Wir müssen außerdem viel Strom zukaufen. Und noch eines: Uns war es aufgrund des Verstaatlichtengesetzes verwehrt, Großkraftwerke zu bauen. Der Verbund hat die Großkraftwerke von den Sondergesellschaften übernommen und hat jetzt diesen gigantischen Wettbewerbsvorteil.

STANDARD: Was kostet das Anwerben eines neuen Kunden?

Windtner: Die Kosten sind unterschiedlich, abhängig von der Art des Anwerbens. Ich würde aber meinen, dass ein Stromkunde, der über ein Haustürgeschäft gewonnen wurde, etwa zehn Jahre bei der Stange gehalten werden muss, damit es sich für das Unternehmen rechnet. Dieser Aufwand lässt die meisten Abstand nehmen, aggressiv hineinzugehen und anzuwerben.

STANDARD: Der Verbund hat unlängst Vorschläge unterbreitet, die auf eine "Ösl light" hinauslaufen, also eine Österreichische Stromlösung, wo es zwar einen gemeinsamen Kraftwerkseinsatz von Verbund und den Partnern der EnergieAllianz geben soll und einen gemeinsamen Stromhandel, dafür aber keine Großhandelsgesellschaft und völlig freie Hand im Auslandsgeschäft. Wie realistisch ist dieser Vorstoß?

Windtner: Der oberösterreichische Landtag hat vor sechs Wochen beschlossen, für die umgehende Realisierung der Österreichischen Stromlösung einzutreten. Er hat auch beschlossen, dass keine "Ösl light" oder eine abgewandelte Form der eigentlich fix ausverhandelten Verträge zur Anwendung kommen dürfen.

STANDARD: Stromlösung ja,...

Windtner:...aber nur in der bereits paktierten Form.

STANDARD: Gibt es in der Causa noch etwas zu verhandeln?

Windtner: Ich sehe sehr wenig Spielraum, weil ich die Eigentümeraufforderung ernst nehme. Jedes Abgehen von den paktierten Verträgen würde einen neuen Gang nach Brüssel erforderlich machen. Die Chance auf eine neuerliche Genehmigung wäre fast null. Inzwischen gibt es Branchenuntersuchungen; man sieht, dass Brüssel im Begriff ist, das Thema beherrschender Einfluss, Wettbewerbsmonopole jetzt anders zu definieren.

STANDARD: Was soll passieren?

Windtner: Die politisch Verantwortlichen müssen ein Machtwort sprechen, und der Verbund muss einen klaren Akzent setzen.

STANDARD: Minister Bartenstein hat auf die Satzung des zu 51 Prozent der Republik gehörenden Verbunds verwiesen, wonach die Organe der Gesellschaft auf die Energiepolitik der Bundesregierung Bedacht zu nehmen haben. Der Verbund-Vorstand steht allerdings auf dem Standpunkt, in erster Linie den Aktionären verpflichtet zu sein - nach dem Motto: Aktiengesetz schlägt Satzung.

Windtner: Ich halte nichts davon, die Sache nur über die Formalschiene zu spielen; hier gilt die normative Kraft des Faktischen. Wenn der Eigentümer des Verbunds tatsächlich will, dass die Österreichische Stromlösung zustande kommt, soll er das klar und ehestens artikulieren.

STANDARD: Was würde mit der EnergieAllianz passieren, sollte die Stromlösung tatsächlich baden gehen? Die Energie AG ist ja ein wichtiger Teil davon.

Windtner: Die Allianz per se würde weiterbestehen, mit all ihren Vorteilen und Problemen, davon bin ich überzeugt.

STANDARD: Was bringt der Energie AG die Mitgliedschaft in der EnergieAllianz?

Windtner: Dass wir mit den großen Playern Wien und Niederösterreich auf dem Markt eine ganz andere Schlagkraft entwickeln können. In Zukunft sollten wir uns aber offensiver ausrichten, über die Grenzen hinausschauen, speziell auch nach Süddeutschland. Wir haben sicherlich den meisten Offensiv-Drive in der Allianz, das liegt in unserer Geburtsurkunde, in unserer Struktur, dem hohen Industrieanteil etc. Wir sind eben zum Jagen verurteilt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.6.2005)

Zur Person

Leo Windtner (54) ist seit 1994 Generaldirektor der Energie AG Oberösterreich. Erst in dieser Woche wurde er für drei Jahre an die Spitze des Verbandes der Elektriziätsunternehmen Österreichs (VEÖ) gewählt.

Das Gespräch führte Günther Strobl
  • Artikelbild
    foto: standard/cremer
Share if you care.