Strom kommt aus der Steckdose

31. Juli 2005, 17:52
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Von Handymasten bis Flughafenpisten: Die Folgen unserer Freuden verdrängen wir

Da ist die Welt voller Handyuser und begeisterter Viel- wie Billigflieger, die sogar den Weg bis Bratislava in ihrem Auto nicht scheuen, um mit einem der begehrten, fast geschenkten Tickets nach Rom oder Paris zu düsen. Aber Handymasten, Autobahnzubringer, Flughafenpisten? Danke, das wollen wir nicht.

Die Diskussion der vergangenen Tage hat diese Widersprüchlichkeit unserer Lebensweise einmal mehr ans Licht befördert. Um mit einer Werbung des Verbunds zu sprechen (aus Zeiten des Kampfs für das AKW Zwentendorf): "Unser Strom kommt aus der Steckdose" - sauber verputzt, sodass wir die schmutzige Wahrheit dahinter getrost verdrängen können. Heute kommt das Telefonat aus dem Handy, wir brauchen doch keine Masten.

Natürlich geht es nicht um die ungesteuerte, bedenkenlose Annahme von Folgewirkungen der Technik. Es ist richtig und wichtig, die Auswirkungen von Mikrowellenstrahlung durch Handys und andere Funktechniken zu untersuchen. Es ist dringend nötig, Wege zu finden, um den unerwünschten Lärm erwünschter Mobilität zu minimieren. Und Verbesserungen des Aussehens von Handymasten sind wünschenswert, wenn wir dabei auch gleich Windräder, unausweichliche Strommasten und die Ästhetik von geschmacklosen Einfamilienhäusern mit einbeziehen.

Aber dazu gehört auch, letztlich zu handlungsfähigen Kompromissen zu kommen. Der Weg, den der Flughafen Wien für die Errichtung der dritten Piste eingeschlagen hat, könnte dabei als Beispiel dienen: Nach fünfjähriger Mediation wurde ein Vertrag mit Bedingungen formuliert, unter denen die große Mehrheit der 50 Beteiligten vom Betreiber bis zu Bürgerinitiativen zustimmen konnte.

Das lässt einigen wenigen, die nicht zustimmten, Raum für immer währenden Protest - aber Einstimmigkeit bei so großen, konfliktbeladenen Projekten wird sich nicht herstellen lassen. Wer gegen Fliegen und Flugzeuge ist, wird sich nie und nimmer mit einem Flughafen abfinden; wird auch nicht zur Kenntnis nehmen, dass Flieger leiser wurden - dank des Drucks von Umweltschützern (der Schallteppich des riesigen A380 ist rund die Hälfte kleiner als von kleineren Vorgängerjets).

Verdoppelung des Prüfvorgangs

Die Flughafenmediation beinhaltet aber auch, aus lauter Sorge um die Durchsetzbarkeit des Vorhabens, eine Paradoxie: Sie setzt vor das eigentliche Verfahren der Prüfung der Umweltverträglichkeit ein weiteres Verfahren, eine Verdoppelung des Prüfvorgangs. Eigentlich ist die UVP der vermittelnde Prozess, der für die Einhaltung der Beschränkungen zum Schutz unseres Lebensraums dient, an dem alle Betroffenen beteiligt sind. Warum dann dieselbe Übung ein zweites Mal freiwillig durchführen?

Das Vertrauen in vereinbarte Regeln - aus deren Einhaltung verbindliche Ergebnisse entstehen, egal ob ein Projekt am Ende bewilligt oder untersagt wird - ist heute schwer erschüttert, und dazu haben sowohl Politik und Staat wie Bürgerinitiativen beigetragen.

Beispiel Spielberg: Die Desavouierung des Umweltsenats durch gewählte Funktionäre der Republik ist eine Aufforderung, dass sich Bürgerinitiativen künftig im umgekehrten Fall ähnlich widerständig verhalten. Beispiel Handymasten: Das Land, die Länder, hätten mit dem Baurecht alle Möglichkeiten in der Hand gehabt, um "Wildwuchs" zu begrenzen; die jetzige Steuer bricht das Vertrauen, dass gilt, was bereits entschieden wurde.

Und das Beispiel Flughafen? Wir werden noch ein paar Jahre warten müssen, um zu sehen, ob sich die fünfjährige freiwillige Vorleistung am Ende gelohnt hat - oder ob Länder, Gemeinden und der Teil der Bürgerinitiativen, der jetzt zustimmte, dann während oder nach der UVP wieder abspringen.

So oder so, Millionen Österreicher, die dieser Tage zu ihrem Billigflug aufbrechen und sich vorher nochmals per Handy von den Lieben verabschieden, müssen sich auch mit der Realität anfreunden, dass dazu auch Pisten und Masten gehören. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.6.2005)

Von Helmut Spudich
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