Kopf des Tages: Der Pleitegeier

31. Juli 2005, 17:52
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Jiddischer Vogel mit bedrohten Verwandten

Wo der Pleitegeier kreist, ist der Kuckuck nicht weit – und gelegentlich wiehert dazu der Amtsschimmel. Alle drei Viecher wirken auf uns seltsam vertraut, beim Pleitegeier können wir uns so richtig vorstellen, wie die hageren Vögel über einstmals blühenden Landschaften, die langsam ökonomisch ausgetrocknet sind, ihre Runden ziehen. Wir sehen sie förmlich vor uns, wie sie dann und wann landen, um die Reste von verendeten Unternehmen aufzupicken, wie es eben die Art der Aasfresser ist.

Um im Bild zu bleiben: Klebt irgendwo der Kuckuck drauf, ist dem Pleitegeier der Weg gewiesen – seine Sinnesorgane sind darauf ausgerichtet, die Gegenstände zu finden, auf denen die übel beleumundete Marke klebt. "Gerichtlich gepfändet" steht dort im Kreisrund um ein Vogelbild, das natürlich keinen Kuckuck, sondern den aus dem Staatswappen bekannten Adler mit Sichel und Hammer in den Fängen zeigt.

Ist der Pleitegeier also auch nur ein anderer Ausdruck für den gefürchteten Pfändungs- Adler? Nein, entgegen unseren fantasiereichen Vorstellungen haben die beiden mit wirtschaftlichem Misserfolg assoziierten Greifvögel nur eine gedankliche, aber keine ornithologische Beziehung: Ist der Adler auf der Pfändungsmarke ein Hoheitszeichen, so ist der Pleitegeier ein Mensch, der sich seiner wirtschaftlichen Verantwortung zu entziehen trachtet.

Der Pleitegeier ist ein Pleite-Geher

Pleite kommt aus dem hebräischen "pelejtá" (für Flucht oder Rettung) und gelangte über das Jiddische "plejte gejn" (also sich auf die Flucht vor Gläubigern machen) in das Rotwelsch und dann in die deutsche Hochsprache. Der Pleitegeier ist also ein Pleite-Geher.

Und als solcher ist er womöglich vom Gericht oder den ehemaligen Geschäftspartnern bedroht – aber kaum je so stark wie die Geiervögel in der Natur bedroht sind. Von der Einengung des Lebensraums bis zu Arzneimittelrückständen in Tierkadavern, von denen sich Geier ernähren, reichen die Gründe, die die Geier auf die roten Listen gebracht haben. Und natürlich die Bejagung in früheren Jahrhunderten: Hier zu Lande standen die Bartgeier als "Lämmergeier" unter dem falschen Verdacht, Viehbestände zu gefährden – erst nachdem klar war, dass sie nur die Knochen von schon toten Tieren fressen, fand die Wiederansiedlung dieser größten Greifvögel Österreichs durch den WWF allgemeine Akzeptanz.

Und ist der Pleitegeier wenigstens mit dem Amtsschimmel verwandt? Nein, nicht einmal sprachlich: Dieses Bürokratentier hat seinen Namen nämlich aus dem Lateinischen – in Ämtern wurden gleich lautende "Schimmel"-Bescheide (vom lateinischen "similis" für "ähnlich") vorbereitet, um rechtlich gleich gelagerte Fälle gleich behandeln zu können. Da wiehert keiner. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.6.2005)

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