Großbetrieb Gewerkschaft

3. Juli 2005, 18:40
posten

Verzetnitsch probiert einen neuen Anlauf - von Conrad Seidl

Wem nützt es eigentlich, wenn innerhalb des Gewerkschaftsbundes ein weiterer Großbetrieb zur Betreuung von mehr als 170.000 Mitgliedern entsteht? Na, den Mitgliedern natürlich, verspricht ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch, nach dessen Geschmack die jetzt laufenden Fusionen zu sein scheinen. Immerhin beginnt die jetzt nach und nach wachsende Struktur dem Konzept zu ähneln, das Verzetnitsch in den Neunzigerjahren auf den Weg gebracht hatte: Demnach ließe sich die Vertretung der Arbeitnehmer am besten nach acht Branchen gliedern. Oder, noch radikaler: nach den Sachgebieten Produktion, Dienstleistung und öffentliche Verwaltung. Der ÖGB würde nach einer solchen Restrukturierung also nur noch von drei großen Gewerkschaften statt von derzeit 13 (und nach den nun laufenden Fusionen: zehn) Teilgewerkschaften getragen. Dass eine solche Restrukturierung nicht einfach mit einem Federstrich zu machen ist, hat sich in den vergangenen Jahren erwiesen: Da hatten sich die Chefs von Privatangestellten- und Metallergewerkschaft hinter Verzetnitschs Rücken verabredet, ihre knappe halbe Million Mitglieder gemeinsam mit den Chemiearbeitern in eine Art gewerkschaftlichen Gemischtwarenladen aus Arbeiter- und Angestelltengewerkschaft zusammenzuführen. Unterschiedliche Unternehmenskulturen? Da wollte damals, im Oktober 2001, keiner Bedenken haben - schließlich ist die Großfusion aber genau daran gescheitert. Jetzt also ein neuer, organischer aufgebauter Anlauf. Ob er gelingt, wird wesentlich davon abhängen, ob es wirklich mehr Service, mehr Expertenrat und mehr betriebliche Betreuung für die Mitglieder gibt. Nur so kann die Gewerkschaft dem sinkenden Organisationsgrad der Arbeitnehmer entgegenwirken. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2005)
Share if you care.