Der Kampf um Erben und reiche Russen

12. Juli 2005, 12:46
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Am Finanzplatz Wien tummeln sich immer mehr Private-Banking-Anbieter. Sie setzen auf die Erbengeneration, auf deutsche und russische Offshore-Anleger sowie auf den Boom in Osteuropa

Der Klub der Dollar-Millionäre in Österreich ist im Vorjahr laut einer aktuellen Studie von Merrill Lynch und Cap Gemini um 2300 Personen auf 63.300 Mitglieder gewachsen. Manche von ihnen haben ihr liquides Vermögen immer noch recht ungeordnet in Girokonten, Sparbüchern und Wertpapierplänen liegen. Doch die Chance ist groß, dass sie alle früher oder später als Private-Banking-Kunde bei ihrer Hausbank oder in einem der vielen Spezialinstitute landen.

Die Zahl der Anbieter von Private-Banking-Leistungen hat nämlich in den vergangenen Jahren rasant zugenommen. Manche heimische Großbanken haben eigene Töchter - die BA-CA die Schoellerbank, die Raiffeisen-Gruppe Kathrein und Centrobank - sowie Private-Banking-Abteilungen, die entweder eigenständig oder im Vertriebsnetz arbeiten.

Der Newcomer hier ist die Division der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien. Sie alle konkurrieren mit traditionellen Privatbanken wie der Constantia Privatbank, der Gutmann Bank, dem Salzburger Bankhaus Carl Spängler oder - neu am Wiener Bankenplatz - dem Grazer Bankhaus Krentschker, aber auch mit reinen Finanzdienstleistern ohne Banklizenz wie der AWD. Dazu kommen immer mehr Ausländer - etwa die deutsche Sal. Oppenheim oder die Schweizer Banken UBS und Vontobel.

"Der Kuchen ist nicht zu klein"

"Der Wettbewerb wird härter, aber der Markt wächst auch sehr rasch", sagt Anton Fink, Vorstand der Gutmann Bank. "Ich mache mir deshalb keine Sorgen, dass der Kuchen zu klein sein wird."

Die Gründe für Finks Optimismus liegen einerseits in der heimischen Erbengeneration, deren Zahl von Jahr zu Jahr zunimmt, andererseits im Auslandsgeschäft. Denn Wien wird zunehmend als Offshore-Center für Bankkunden aus Deutschland und Russland interessant. Die Aufweichung des deutschen Bankgeheimnisses lässt viele Anleger ihr Heil in Österreich suchen, und für russische Millionäre auf der Suche nach sicheren Häfen ist die Alpenrepublik eine attraktive Alternative zu Zypern oder der Schweiz. "Österreich ist steuerlich interessant, weil Devisenausländer nicht besteuert werden, es hat ein interessantes Bankgeheimnis, und für viele Russen ergibt sich hier ein Wohlfühleffekt", sagt Fink. In seiner Gutmann Bank sprächen die zwölf Mitarbeiter im International Private Banking insgesamt 14 Sprachen.

Als Zukunftsperspektive ist für Österreichs Privatbanken vor allem der Onshore-Markt in Osteuropa von Bedeutung. Der erhoffte Boom ist bisher ausgeblieben, denn noch gibt es nur wenige Tschechen, Ungarn oder Polen, für die Private Banking infrage kommt. Aber die Zahl soll in den kommenden Jahren rasch zunehmen. Eine weltweite Umfrage von IBM Business Consulting unter Privatbanken hat ergeben, dass für 2007 das stärkste Wachstum des Anlagevermögens in Osteuropa erwartet wird (siehe Grafik) - mehr noch als in Großbritannien oder Deutschland.

Schweizer wollen nach Wien

Von diesem Trend werden vor allem die österreichischen Großbanken profitieren, die das Kreditwesen in Mittel- und Osteuropa dominieren, aber auch die kleineren Privatbanken wollen mitnaschen und machen daher immer öfter Repräsentanzen in Prag, Budapest oder Bratislava auf. Sie erwarten sich auch viel von der geplanten Vernetzung der Wiener Börse mit den wichtigsten Ostbörsen, wodurch dortige Anleger mit dem Wiener Finanzplatz in Berührung kommen können. Eine besonders gute Ausgangsbasis für Kontakte zu den lokalen Eliten hat die Constantia dank ihrer Ost-Immobilientochter Immoeast.

In Zürich und Genf überlegen dem Vernehmen nach deshalb weitere Schweizer Privatbanken den Schritt nach Wien als Sprungbrett in den Osten. Aber auch sie werden - einmal vor Ort - auch um heimische Kunden werben. Statt beinharter Verdrängung sehen allerdings einige Privatbanker die Zukunft in der wachsenden Diversifizierung der Bankbeziehungen.

Schon jetzt sind Österreichs Reiche und Superreiche Kunden bei durchschnittlich 2,83 Banken oder Finanzdienstleistern, zeigt die Vermögensstudie von Merrill Lynch und Cap Gemini. Vor zwei Jahren waren es erst 2,66 Institute, und mit der wachsenden Vielfalt am Wiener Bankenmarkt dürfte diese Zahl noch weiter steigen. Das bedeutet, der Filialleiter in der Sparkasse vor Ort wird seinen besten Kunden nicht unbedingt verlieren - aber er muss ihn zunehmend teilen. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.6.2005)

  • Im Kassensaal der Erste-Bank-Tocher Česká in Prag sind die einbezahlten Beträge noch meist klein. Aber das Potential für Private Banking wächst dort besonders rasch.
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    Im Kassensaal der Erste-Bank-Tocher Česká in Prag sind die einbezahlten Beträge noch meist klein. Aber das Potential für Private Banking wächst dort besonders rasch.

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