Kairo 2004: Der beste Börsenplatz der Welt

4. Juli 2005, 11:22
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Ein Land mit 80 Millionen Einwohnern lockt - Die Regierung strebt für heuer ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent an

Wien/Kairo - Der beste Börsenindex des Jahres 2004 war jener der Börse in Kairo - er schlug alle anderen weltweit um Längen. Und für heuer zeichnet sich ein ähnlich fulminantes Ergebnis ab. Beflügelt durch den Friedensprozess in der unmittelbaren Nachbarschaft und nur wenig gedämpft durch lokale Terroranschläge findet sich Ägypten mit 80 Millionen Einwohnern auf einer wirtschaftlichen Aufholjagd.

Zwar ist die Armut noch immer präsent, doch ist ein Anstieg des Wohlstandes omnipräsent: Vor allem im so genannten "Goldenen Halbmond", der sich über die Touristenhochburgen im Norden von Sharm el-Sheik nach Westen über Luxor und dann zurück nach Hurghada erstreckt, boomt die Wirtschaft.

Aus ganz Ägypten kommen Glücksritter in diese Regionen, um Geld zu verdienen und auch ihren Familien daheim zu - wenn auch noch bescheidenem - Wohlstand zu verhelfen. Zweifellos ist eine der Säulen des ägyptischen Aufschwungs der Tourismus - er spült insgesamt die meisten Devisen in das Land am Nil: Die Branche setzte im vergangenen Jahr 4,6 Milliarden Euro um und verzeichnete acht Millionen Besucher.

80 Prozent Ertrag

Innerhalb der nächsten fünf Jahre soll der Branchenumsatz verdoppelt werden. Mohamed Younes, Vorstand von Concord International Investments, dessen Offshore-Fonds Egypt Investment Co. im letzten Jahr knapp 80 Prozent zulegte, sieht aber auch noch andere Gründe: "Das Land hat es geschafft, Vertrauen aufzubauen. Die wirtschaftliche Erholung, Defizitkontrolle und ein stabiler Wechselkursmarkt waren die Basis dafür."

Younes sieht durch eine gravierende Änderung des Steuersystems neue Impulse für Investoren: "Bisher hat die Regierung punktuell hohe Steuern verhängt, die aber höchst ineffektiv waren und nicht immer eingehoben wurden. Jetzt wurden die Prozentsätze deutlich gesenkt, was sich positiv auf die Steuermoral auswirken wird. Unterm Strich kommt so mehr Geld in die Staatskassen."

Das nützt auch den immer zahlreicher werdenden "Aussiedlern" aus Europa - vor allem Rentnern, die das angenehme Klima, die niedrigen Lebenshaltungskosten und die Sicherheit nur dreieinhalb Flugstunden von Europa schätzen: Sie müssen keinerlei Steuern bezahlen, tragen jedoch einiges zum Devisenzufluss bei.

Ägypten statt USA

Die insgesamt gute Entwicklung der Börse in Kairo ist aber auch auf die veränderte geopolitische Lage zurückzuführen: Gerade Ölstaaten wie Kuwait oder Saudi-Arabien haben bisher ihr Geld eher in den USA veranlagt. Nach dem 11. September wurden dort die Bestimmungen verschärft, was diese Anleger dazu veranlasst, eher in deren Heimatmärkte zu investieren.

Auch politische Aussagen von Mitgliedern der Regierung Bush führten zu einer Neuorientierung der Kapitalströme: So führte die Aussage eines hohen US-Beamten, arabische Gelder in den USA einzufrieren, vor zwei Jahren an einem einzigen Tag zu einer Umschichtung von 200 Milliarden Dollar aus den USA nach Ägypten.

Für das laufende Jahr visiert die ägyptische Regierung ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent an, nach 4,8 Prozent im zweiten Halbjahr 2004. Der Internationale Währungsfonds rechnete in einer Prognose mit 4,5 Prozent Wachstum im bevölkerungsreichsten arabischen Land. Damit übertrifft das Wachstum Ägyptens die Erwartungen in den Vereinigten Staaten und in der Eurozone. (kremer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 6. 2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der Fremdenverkehr (im Bild die berühmte Totenmaske von Tutenchamun) ist die größte Einnahmequelle Ägyptens. Viele Unternehmen aus dem Sektor gehen an die Börse

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