Mail aus Cannes von Bernd Misske: "Österreichisch" gut

7. Mai 2006, 17:18
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Filme, die in der Heimat punkten, strahlen an der Cote d'Azur nicht immer ganz so hell - es fehlt häufig an der letzten Konsequenz

Gold fürs Liechtenstein Museum von WNP bei den Media Awards. Gold und Silber bei den Direct Lions für die Schmetterlingskinder von Ogilvy & Mather. Und als Krönung war Wien Nord Pilz dann bei Press & Outdoor nochmals mit Gold fürs Liechtenstein Museum dabei. Ich gratuliere aus ganzem Herzen, denn die Kampagne hat mir schon beim CCA sehr gefallen. Vielleicht auch, weil sie - wie mir ein asiatisches Jurymitglied versicherte – sich irgendwie "österreichisch" anfühlt. Cannes meint es gut mit Österreich 2005!

Kritisches Publikum

Beim Film wird die Luft dann leider etwas dünner: Ein Shortlistplatz für Mömax von Demner, Merlicek & Bergmann war das Einzige, was die 22 Jurymitglieder Österreich dieses Jahr zugestehen wollten. Die Filme, die in der Heimat punkten und über die man Freunden und Kollegen stolz berichtet, strahlen an der Cote d'Azur nicht immer ganz so hell. Und so manch einer verschweigt hier diskret seine Mittäterschaft, wenn sie dann vom äußerst kritischen Publikum mit lauten Missfallensäußerungen, oder noch schlimmer mit Ignoranz gestraft werden. Denn die Audience in Cannes ist brutal und jeder weiß sofort, was sie von seinem Spot hält.

"Fast" gut

Woran liegt es, dass sich Österreich beim Film so schwer tut? Ich habe das Gefühl, dass es leider häufig an der letzten Konsequenz fehlt. Dass die Ideen eben "fast" gut sind oder "fast" groß oder "fast" schockierend oder "fast" lustig sind, und dass am Schluss die Angst einen Teil der Zielgruppe vor den Kopf zu stoßen spürbar wird. Sicher hat es auch häufig etwas mit Budgets zu tun, aber eben auch mit Mut. Vieles was hier ausgezeichnet wird, ließe sich von "vorsichtigem" Marketing und Strategen schon als Treatment in der Luft zerreißen. Gott sei Dank gibt es mutige Kunden, die auch mal auf ihren Bauch hören, oder an den der Agentur ihres Vertrauens glauben. Und einige von denen schreiben dann Werbegeschichte, stellen die Regeln auf den Kopf und mischen den Markt auf. Ich glaube überhaupt, dass der klassische Werbespot mehr und mehr die Funktion der reinen Markenpflege übernehmen wird, und das Verkaufen den anderen Medien überlassen wird.

  • Juror Bernd Misske, Manager von McCann-Erickson Wien, berichtet für den STANDARD aus der Filmjury des Werbefestivals von Cannes.
    foto: mccann erickson

    Juror Bernd Misske, Manager von McCann-Erickson Wien, berichtet für den STANDARD aus der Filmjury des Werbefestivals von Cannes.

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