Pille und Urlaubszeit: Die Verhütungsfalle umgehen

27. Juli 2005, 12:37
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Gerade im Sommer können zahlreiche Faktoren die Wirksamkeit oraler Kontrazeptiva herabsetzen

Wien - In den Sommermonaten kommt es temperatur- und urlaubsbedingt zu zahlreichen Fragen rund um orale Kontrazeptiva. Damit die Wirkung dieser Verhütungsmittel nicht geschwächt wird, ist es wichtig, bei Zeitverschiebung, Hitze, Durchfall, Erbrechen und der Einnahme von anderen Medikamenten vorsichtig zu sein, warnten ExpertInnen am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien.

Zeitverschiebung

Bei Zeitverschiebungen gilt es, die 3-Stunden-Regel zu beachten. "Das bedeutet, dass eine Verschiebung der Einnahme der 'Pille' innerhalb von drei Stunden zu keinem erhöhten Schwangerschaftsrisiko führt", erläuterte Univ. Prof. Dr. Sepp Leodolter von der Universitätsfrauenklinik Wien. Dieses Problem sei bei der Verwendung des Verhütungsringes oder des Pflasters nicht gegeben.

Erkrankung

Auch einige Erkrankungen können die Wirkung oraler Kontrazeptiva herabsetzen. "An erster Stelle steht hier sicherlich die Gruppe der Magen-Darm-Entzündungen, die auf Reisen häufig durch kleine Infektionen ausgelöst werden ('Montezumas-Rache'). Es kommt dabei zu einer Verminderung der so genannten Resorption im Darmtrakt. Das heißt, die hormonellen Wirkstoffe werden vermindert aufgenommen und können daher im Organismus nicht ihre volle Wirkung entfalten", erklärte Dr. Andrea Weghofer von der Yale University in New Haven in den USA. Dies gelte natürlich auch für ähnliche – aber chronische – Erkrankungen, die in der Regel allerdings ohnehin bekannt seien.

Wechselwirkungen

Aber nicht nur die altbekannten Probleme wie Zeitverschiebungen bei Fernreisen oder die typischen Urlaubserkrankungen wie Durchfall und Erbrechen können die Wirkung der Pille schwächen. Was viele nicht wissen: Viele Substanzen aus bestimmten Arzneimittelgruppen, die gerade in der Urlaubszeit genommen werden müssen, könnten die Familienplanung durcheinander bringen.

So kann es laut Univ. Prof. Dr. Elisabeth Vytiska-Binsdorfer von der Universitätsfrauenklinik in Wien zu einer Wirkungsverminderung bei einigen Malariamittel, Pilzmittel, Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie Schmerzmittel wie Aspirin geben. Der Einsatz von zusätzlichen Verhütungsmethoden wie einem Kondom sei daher anzuraten, sagte die Medizinerin.

Hitze

Da Frau nicht nur in südliche Länder reist, sondern die Temperaturen hier zu Lande in den Sommermonaten merklich ansteigen, warnten die ExpertInnen vor einer Überhitzung des Hormonpräparats. Bei über 50 Grad kann der Effekt der Pille vermindert werden.

Alternativen

"Verhütung muss sicher, verlässlich, einfach und zum Lebensstil der Frau passen", so Weghofer. Eine Möglichkeit, die strenge Einnahmeregel zu umgehen, bieten die neuen Hormonpräparate wie das Verhütungspflaster und der Vaginalring Nuvaring, die über mehrere Wochen appliziert werden und an die frau nicht täglich denken muss, meinte OA Dr. Monika Schaffer vom Ambulatorium für Kinder- und Jugendgynäkologie an der Uniklinik Graz.

Mit einem so genannten Quick Switch könne frau etwa von jeglicher Art der hormonellen Kontrazeption auf den Vaginalring gewechselt werden. "Dieser Vorteil zählt sowohl für die Geschäftsreisende, die überraschend zu einer Konferenz muss ebenso wie für die spontanen Nutzerinnen der Restplatzbörse", sagte die Medizinerin. Möchte frau zur gewohnten Pille zurückkehren, sei das kein Problem, erklärte Schaffer.

Lesen Sie auf den nächsten Seiten mehr: Die Verhütungsmethoden im Vergleich. Was ist bei Durchfall/Erbrechen? Welche Substanzen vermindern die Wirkung der Pille?

Die Verhütungsmethoden im Vergleich (Quelle: Österreichische Verhütungsinitiative):

PFLASTER
Tageszeit: Kein Einfluss
Durchfall und Erbrechen: Kein Einfluss
Aufbewahrung: In Packung aufbewahren
Anwendung bei Hitze: Kein Einfluss
Anwendung bei Sonnenlicht: Kein Einfluss

PILLE
Tageszeit: Anwendung immer etwa zur gleichen Zeit
Durchfall und Erbrechen: Kann die Sicherheit beeinträchtigen
Aufbewahrung: Vor Hitze und Licht schützen
Anwendung bei Hitze: Kein Einfluss
Anwendung bei Sonnenlicht: Kein Einfluss

MINIPILLE
Tageszeit: Anwendung immer exakt zur gleichen Zeit
Durchfall und Erbrechen: Kann die Sicherheit beeinträchtigen
Aufbewahrung: Vor Hitze und Licht schützen
Anwendung bei Hitze: Kein Einfluss
Anwendung bei Sonnenlicht: Kein Einfluss

HORMONSPIRALE
Tageszeit: Kein Einfluss
Durchfall und Erbrechen: Kein Einfluss
Aufbewahrung: Vor Hitze, Feuchtigkeit und Licht schützen
Anwendung bei Hitze: Kein Einfluss
Anwendung bei Sonnenlicht: Kein Einfluss

VAGINALRING
Tageszeit: Kein Einfluss
Durchfall und Erbrechen: Kein Einfluss
Aufbewahrung: Hitzegeschützt in der Packung aufbewahren
Anwendung bei Hitze: Kein Einfluss
Anwendung bei Sonnenlicht: Kein Einfluss

3-MONATSSPRITZE
Tageszeit: Kein Einfluss
Durchfall und Erbrechen: Kein Einfluss
Aufbewahrung: Vor Hitze und Licht schützen
Anwendung bei Hitze: Kein Einfluss
Anwendung bei Sonnenlicht: Kein Einfluss

KONDOM
Tageszeit: Kein Einfluss
Durchfall und Erbrechen: Kein Einfluss
Aufbewahrung: Vor Hitze und Sonne schützen
Anwendung bei Hitze: Kein Einfluss
Anwendung bei Sonnenlicht: Kein Einfluss

Dr. Andrea Weghofer von der Yale University zu Durchfall/Erbrechen:

"Schon einfaches Erbrechen binnen dreier Stunden nach der Einnahme der Pille vermindert deren Wirkungsweise. Ähnliches gilt für heftige Durchfall-Erkrankungen. Was also ist zu tun?

  • Durchfall/Erbrechen bis zu 3 Stunden nach der Einnahme: die Verhütungssicherheit kann gefährdet sein. Es sollte sofort die nächstfolgende Pille des Pillenstreifens eingenommen werden

  • Tritt nach deren Einnahme innerhalb von 3 Stunden wieder Durchfall/Erbrechen auf, ist der Schutz nicht mehr gewährleistet, und es muss für den betroffenen Zyklus und die einnahmefreie Zeit eine zusätzliche Verhütungsmaßnahme vorgenommen werden.

  • Tritt nach der Einnahme der nächstfolgenden Pille innerhalb von 3 Stunden kein Erbrechen/Durchfall auf, ist die Verhütungssicherheit nach derzeitigem Wissensstand wiederhergestellt. Frau nimmt die Pille für den Rest des Zyklus wie gewohnt weiter ein. Zusätzliche Maßnahmen sind nicht erforderlich.

  • Tritt Durchfall/Erbrechen mehr als 3 Stunden nach der Einnahme auf, ist die Verhütungssicherheit nach den wissenschaftlichen Daten voll gewährleistet. Frau nimmt die Pille wie gewohnt weiter, zusätzliche Verhütungsmittel sind nicht erforderlich."

    Univ. Prof. Dr. Elisabeth Vytiska-Binsdorfer von der Universitätsfrauenklinik Wien zu Wechselwirkungen:

    "Substanzen aus folgenden Arzneimittelgruppen führen zu einer Verminderung der Wirkung der Pille:

    Anitbiotika: Penicilline, Tetrazyklin, Cepahlospoorine, Chloramphenicol, Sulfonamide

    Tuberkulosemittel

    Malariamittel: Nitroimidazole

    Schmerzmittel: Phenylbutazon, Oxyphenbutazon, Salicylsäurederivate (Aspirin!), Pyrazolon & Phenacetin-Derivate

    Pilzmittel: Griseofulvin

    Schlaf- & Beruhigungsmittel: Barbiturate, Promethazin, Chlorpromazin und Phenacetin

    Anti-Epileptika: Phenytoin, Carbamazepin, Phenobarbital, Primidon

    Eine weitere Ursache von Wirkungsverminderung liegt allerdings auch in der Wechselwirkung mit bestimmten Verhaltensmustern bzw. -störungen: Anorexie, Bulimie, Untergewicht, kohlenhydratarme & proteinreiche Ernährung (Training, Diät) sowie Rauchen.

    Um in allen diesen Fällen auf die potentiell mögliche Verminderung der Wirkzuverlässigkeit der oralen Kontrazeption zu reagieren, ist der Einsatz zusätzlicher Verhütungsmethoden anzuraten." (red)

    • Bild nicht mehr verfügbar
      Gerade im Sommer gibt es zur Einnahme von oralen Verhütungsmitteln vermehrt Fragen ...
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