Bittersüße Authentizität

6. Juli 2005, 11:12
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Sängerin Sheila Jordan gastierte im Juni im Wiener Jazzland

Wien - Es lebe die Gedächtnislücke! Soll es doch einst ein Blackout gewesen sein, das dem Jazzgesang einen wesentlichen Impuls verlieh. Louis Armstrong soll's gewesen sein, dem - angeblich 1926 bei einer Aufnahme von "Heebies Jeebies" - die persönliche Festplatte den Dienst versagte. Der Text war weg. Also begann er, spontan einen solchen zu improvisieren.

Shubidubih-dapdah: Der Scat war erfunden und damit die "Instrumentalisierung" des Jazzgesangs eingeleitet, ein Prozess, der heute bei Bobby McFerrin oder Geräuschvirtuosen wie Phil Minton weiterwirkt. Irgendwo dazwischen, genauer: im New York der frühen 50er-Jahre, kommt Sheila Jordan. Wagte sie es doch als Erste, die Bebop-Improvisationen chorusweise auf Stimme zu übertragen.

Eine mutige Haltung, die auch Charlie Parker zu ihrem Fan machte, finanziell aber kaum zählbare Anerkennung brachte. Erst Ende der 70er konnte Jordan den Status eines ewigen Geheimtipps abstreifen. Und Gastspiele antreten, wie sie es diese Woche mit dem Fritz-Pauer-Trio im Wiener Jazzland absolviert.

Agil und extravertiert wie eh und je gibt sie sich dort. Und hungrig. Dergestalt, dass die 76-Jährige einem essenden Kritiker ein glänzendes "Neunkirchner Pusztawürstel" vom Teller gestibitzt hätte. Oscar Brown Juniors "Humdrum Blues" und Abbey Lincolns "Bird Alone" ergeben schon zu Beginn eine Linie abseits bekannter Standardprogramme. Songs, deren Texte Jordan in zartbitteren Tonbeugungen, die oft an Billie Holiday gemahnen, mit Bedeutung auflädt, und die sie mit munteren Scat-Läufen durchzieht.

Natürlich sind die Jahre nicht spurlos an ihr vorübergegangen, ist bezüglich Intonation und Phrasierung Nachsicht angesagt. Am frischesten wirkt Jordan, wenn sie in sprechsingender Ökonomie die Lieder zu persönlichen Minidramen umdeutet und so mit dem Siegel emotionaler Authentizität versieht. Wie die kokette Version von Falling in Love With Love, dem sie den Kommentar vorausschickt, dieses Lied hätte sie gesungen, als sie noch "young and foolish" gewesen sei.

Jimmy Webbs "The Moon Is A Harsh Mistress" erhält, ohne jede Verklärtheit dargeboten, tragische Tiefe. Während man sich mit der Jordans Tochter gewidmeten Version von Bobby Timmons' Klassiker Dat Dere auf der amüsanten Seite des Lebens wiederfindet. Bass-Duopartner Hannes Strasser gibt sich in diesem Kleinod keine Blöße. Da auch Schlagzeuger Joris Dudli und der zwischen Bluesyness und leuchtenden Akkordtürmen changierende Fritz Pauer in Spiellaune sind, sollte eine gute Woche gesichert sein.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.6. 2005)

Andreas Felber
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