Geizhals ist geil ...

4. Juli 2005, 15:57
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... ist in Liebesangelegenheiten unangebracht

Geizhals ist geil. Neulich bin ich auf einen Drink eingeladen worden, mit den Worten: "Darf ich dich noch zu einem Drink einladen?" Nach dem Drink hab ich ehrlich gesagt, dass ich jetzt alleine nach Hause gehe, weil ich mich heute zufällig auf etwas anderes konzentrieren müsse. Ich hab dauernd ans Geschäft denken müssen, dagegen ist man machtlos, da muss man nach dem Drink getrennt gehen. Spendierhose hat postwendend zur Frau Kellnerin gesagt, dass deshalb die Rechnung auch getrennt gehe. Ja, so sind die Leute, sparsam und haushälterisch, dass man nur davon lernen kann. Der junge Mann wird es noch weit bringen, weil er ja einen direkten Bezug zum Return of Investment hat. Umwegrentabilität ist ihm fremd.

Ich hingegen werde ganz böse enden, denn ich liebe ja den aufwändigen Umweg und halte Geiz in Liebesangelegenheiten für nicht angebracht. Sobald ich das leiseste Begehren in mir krabbeln fühle, schaufle ich mit vollen Händen das Geld in den Einzelhandel. Ich glaube fest, dass mir der Zufall nach diesen Opfern jemanden vorbeischickt, der halbwegs die Mühe bemerkt, die sich die Designer gemacht haben. Das Geschäft, an das ich am Geizhalsabend denken musste, hatte die entzückendste hellblaue Sommerjacke zum Vorwirtschaftskrisenpreis angeboten, und ich hab eine halbe Nacht damit zugebracht, mir einzureden, dass Wirtschaftskrisen einzig dazu da sind, um ignoriert zu werden.

Tüchtig bin ich übrigens auch. Kistenweise schleppe ich die Veuve Clicquot nach Hause, es könnte ja mitten in der Nacht die Liebe anklingeln und Duuurst! schreien. Sie klingelt zwar selten, aber Veuve Clicquot kann man bedenkenlos auch mit der Hausmeisterin trinken, und dann stoßen wir vergnügt darauf an, dass wir niemals den Veuve Clicquot Businesswoman Award gewinnen. Ich hab mich natürlich gefragt, ob diese Geizhals-Geschichte nur mir argloser Person passiert - aber vermutlich geht es mehreren Damen so. Wie könnte man sonst den Erfolg der Internet-Partnerbörsen erklären?

Internet-Partnerbörsen ersparen einem solche ärgerlichen Zufälle, man kann ja genaue Partner-Profile eingeben wie "Suche Sexprotz mit genügend Hirnmasse um zu erkennen, dass ein Campari-Soda echtes Geld kostet" oder "Suche Betriebswirt, der im Kopf ausrechnen kann, dass eine Bar-Rechnung mindestens so hoch sein sollte wie die des La Perla-Schlüpfers, den er sonst nie zu sehen kriegt". Internet-Partnerbörsen haben das Geizhals-Problem erkannt: Die Beziehung zwischen den Geschlechtern kann nur noch durch rigide Aufwands- und Ertragsregelungen gerettet werden. Das bedeutet endlich auch das Aus für peinliche Floskeln wie "Suche Mann mit Humor". Wenn er Geld hat, wird's eh lustig.
Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin
(Der Standard/rondo/24/06/2005)

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    grafik: der standard
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