"Brüna": Alte Kuh, schlechtes Herz

2. Juli 2005, 19:38
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Über die Ursache der Erkrankung kann nur spekuliert werden. Pröll: "Wir können nicht sagen, ob wir sie jemals herausfinden werden"

Im Kleinwalsertal lässt man sich nicht so schnell den Appetit verderben. Nachdem Landwirtschaftsminister Josef Pröll (VP) am Mittwoch eilig eine Pressekonferenz über Österreichs zweiten BSE- Fall anberaumt hatte, lud Bürgermeister Werner Strohmaier (FP) zum Rindfleischessen. "Wir wollen zeigen, dass wir zu unseren Bauern stehen."

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Die wurden durch die Nachricht "BSE in Riezlern" aus der sommerlichen Almidylle aufgeschreckt. Die elfjährige "Brüna", Kuh des Nebenerwerbslandwirts Paul Weißenbach in Riezlern, die am 26. Mai auf der Weide zusammengebrochen war, hatte BSE. Was aber, vermutet der Vorarlberger Landesveterinär Erik Schmid (VP) nicht die Todesursache war: Das Herz der alten Kuh habe versagt.

Der übrige Rinderbestand des Walser Bergbauern, sechs Rinder und zwei Kälber, wurde sofort gekeult. Am Mittwochvormittag lagen die Laborergebnisse der getöteten Tiere vor. Die AGES, Österreichs Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit in Innsbruck, gab Entwarnung: Keines der anderen Tiere hatte BSE. Der 66-jährige Bauer soll nun entschädigt werden, Bergbauernprämie und ähnliche Förderungen will ihm Pröll erhalten. Dieses Versprechen beruhigte Bürgermeister Strohmaier, der "ursprünglich skeptisch über den ministeriellen Auflauf" war.

Über die Ursache der BSE- Erkrankung kann nur spekuliert werden. "Wir können nicht sagen, ob wir sie jemals herausfinden werden", sagte Pröll. Den Zusammenhang zwischen mit Tiermehl versetztem Kraftfutter und BSE schloss er nicht aus. Tierische Zusätze im Getreidefuttermix sind seit 2000 in der EU bei Nutztieren, die zur Lebensmittelproduktion dienen, verboten. In Österreich verzichtet man seit 1990 auf Tiermehl. Für Pröll ein Grund, dass erst zwei BSE-Fälle auftraten.

Ganz anders in Bayern, wo das Kleinwalsertal eigentlich liegt. Dort wurden seit 2000 bereits 135 BSE-Fälle verzeichnet. Der jüngste Fall, ein im Februar 2000 geborenes Rind, lässt darauf schließen, dass Tiermehlverbote im Nachbarland nicht ganz so ernst genommen werden.

Ebenso die Ergebnisse von Tierfutterproben. Zwischen Oktober '04 und März '05 wurden in 19 Proben unzulässige tierische Stoffe gefunden. Im Kleinwalsertal wird vor allem deutsches Tierfutter verwendet. Der Grund dafür ist einfach: Das 97 Quadratkilometer kleine Alpental liegt eigentlich in Deutschland. Zum regionalen Futterproduzenten, der Weissachmühle in Oberstaufen, ist es ein Katzensprung, Vorarlberg ist 45 Kilometer entfernt. Die Weissachmühle dürfte aber als Lieferant schlechten Futters nicht infrage kommen – der Betrieb unterzieht sich der Kontrollen durch Vorarlbergs Landesveterinäre. 50 Proben wurden genommen – alles in Ordnung.

Die geografische Lage des Kleinwalsertals ist auch der Grund, warum der Kuhkadaver zuerst in Deutschland untersucht wurde. Weil die Abholung von Tierkadavern durch die Vorarlberger Beseitigungsanlage zu (zeit-)aufwändig wäre und das Abliefern durch die Bauern einer Durchreisegenehmigung der deutschen Behörden bedürfte, wird im Allgäu entsorgt. Ist, wie im "Brüna"-Fall, der Tierkörper verseucht, beginnt der bayerische Behördenlauf – und der war im konkreten Fall kein Sprint.

Von der Abgabe der toten Kuh in der Tierkörperbesei^tigungsanlage bis zur endgültigen Untersuchung im Referenzlabor auf der Insel Riems vergingen 20 Tage. In Österreich braucht die AGES für‑ die Untersuchung verendeter Tiere maximal vier Tage, Schlachtfleisch wird innerhalb von 24 Stunden untersucht. Grund für die Verzögerung am Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Freising war "ungewöhnlich hoher Probenanfall". (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe 23.6.2005)

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    Die Österreichs Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit in Innsbruck, gab Entwarnung: Keines der anderen Tiere hatte BSE. Der 66-jährige Bauer soll nun entschädigt werden

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