Von Grassers Gnaden

31. Juli 2005, 17:51
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Der Finanzminister braucht die Benzin-Euros wie einen Bissen Brot - zum Überleben seines Budgets

Der Treibstoffverbrauch wird heuer weiter zurückgehen. Das lässt sich schon jetzt mit ziemlicher Sicherheit sagen. Spritpreise von einem Euro und mehr, wie sie derzeit verlangt werden, nehmen auch den härtesten Autofetischisten allmählich die Lust, mehr als unbedingt notwendig herumzukurven. So schlecht ist das auch gar nicht, denn der "Lustverkehr" verstopft die Straßen, erhöht den Lärmpegel und verpestet die Luft noch zusätzlich. Wer berufsbedingt unterwegs sein muss, weil es die viel gepriesenen Öffis nicht bringen, hat es allerdings schwer: Nichts deutet im Moment darauf hin, dass sich die Situation auf den Weltölmärkten in absehbarer Zeit entspannt. In den USA steht die Reisesaison bevor, in der Millionen von Gallonen zum Antrieb großteils überzüchteter Motoren benötigt werden. Obwohl die amerikanischen Raffinerien auf Teufel komm raus produzieren, müssen zusätzliche Mengen in Europa eingekauft werden - heuer noch mehr als im vergangenen Jahr. Das treibt, zusätzlich zu Ängsten über mögliche Engpässe beim Ölangebot, die Preise in die Höhe. Weil Investitionen in neue Ölförderanlagen und Raffinerien frühestens in drei bis fünf Jahren fruchten, wird man sich mit Preisen von bald 60 Dollar und mehr je Fass wohl oder übel abfinden müssen. Dabei hätte es Finanzminister Karl-Heinz Grasser in der Hand, durch entsprechende Großzügigkeit bei der Steuer zumindest auf die Abgabepreise an den Tankstellen mäßigend einzuwirken. Denn von jedem Euro, der in der Tankstellenkasse klingelt, beansprucht der Fiskus im Fall von Diesel nicht weniger als 46 Cent für sich, bei Benzin sind es sogar 55 Cent. Mit ziemlicher Sicherheit wird der Finanzminister diese Möglichkeit nicht nützen. Er braucht die Benzin-Euros wie einen Bissen Brot - zum Überleben seines Budgets. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.6.2005)
Von Günther Strobl
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