Grenzpass - ein Appell an die Menschlichkeit

16. März 2006, 12:23
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Leidensgeschichte eines Landes, das Angst vor Fremden hat: aktuelles Theater, von Jugendlichen gespielt

Ein bosnischer Bus erreicht die österreichische Grenze. Mit an Bord: 16 Kinder, 14 Männer, 20 Frauen und der Fahrer. Die Einreise wird verweigert, die Grenze ist dicht - man ist restriktiv. Da könnte ja jeder kommen. Die Gestrandeten verweilen, warten darauf, einreisen zu dürfen oder endgültig abgeschoben zu werden. Bald wird die Presse auf den Vorfall aufmerksam. Was folgt, ist innenpolitisches Geplänkel, fernab vom eigentlichen Geschehen.

Das Leben an der Grenze, die Entwicklung der Beziehung zwischen den Grenzbeamten und den Flüchtlingen rückt in den Vordergrund. Vielleicht ist Grenzpass die Erzählung von Einzelschicksalen, verknüpft miteinander in Traurigkeit und Ausweglosigkeit, in Selbstverfremdung und Einsamkeit. Womöglich ist Grenzpass aber auch eine allumfassende Leidensgeschichte eines Landes, das seine Vergangenheit nie bewältigt hat; die Geschichte eines Landes, das eine krankhafte Angst davor entwickelt hat, sich dem Fremden zu öffnen.

Am Donnerstagabend im Alten Schlachthof Wels aufgeführt, überzeugte die Produktion sowohl hinsichtlich der gelungenen Interpretation des Thomas-Braun-Stoffes als auch wegen der oft großartigen schauspielerischen Leistung der Theatergruppe des BG/BRG Dr.-Schauer-Straße. Besonders erwähnenswert sind Florian Berger in der Rolle des dümmlichen, aber gutherzigen Grenzbeamten Grogner, der im Widerspruch zu seinem verbitterten, dem Alkohol verfallenen Kollegen Keil (wunderbar in Szene gesetzt von Sebastian Neumann) steht, Adnan Sehic als liebenswürdiger Lenker des bosnischen Flüchtlingsbusses, Jörg Mayer als Pianist Egon Stein, dessen Vergangenheit in Österreich begraben liegt, sowie Andreas Blatt, der in der Rolle des Innenministers glaubhaft den Zwiespalt zwischen Pflichtbewusstsein und moralischen Bedenken verkörpert. Das Bühnenbild ist schlicht und bettet das Stück in jene Trostlosigkeit und Tristesse ein, die für die Wirkung ausschlaggebend ist. Die Untermalung mit feinen bosnischen und mazedonischen Klängen trägt zur künstlerischen Vollkommenheit der Produktion bei. (DER STANDARD, Roman Kaiser-Mühlecker, Printausgabe, 21.6.2005)

Der Autor (17) besucht das BG Dr.-Schauer-Str. in Wels.
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