STANDARD-Interview: Monika Lindner "will ja keine Panik erzeugen"

9. Oktober 2006, 16:45
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Aber die nächste Gebührenerhöhung ist 2007 zu erwarten, kündigt die ORF-Chefin an

Noch rascher sollen die ersten Kündigungen auf dem Küniglberg zugestellt werden. In Sachen Kanzlerrede und Schwarzfunk fehlt Lindner jedes "Unrechtsbewusstsein".

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STANDARD: Sie wünschen sich Spartenkanäle neben ORF 1, ORF 2 und TW1. Wofür denn?

Lindner: Denken Sie an den Kinderkanal von ARD und ZDF, Sport oder andere Programme. Mein Archivchef versichert, wir haben Unmengen lohnende Geschichten. Derzeit spielen wir die im ZDF- Theaterkanal ab. Oder Dokus. Die müssen ja auch nicht 24 Stunden laufen. ORF 2 Europe läuft ja auch immer besser, ab Juli täglich schon ab 6 Uhr.

STANDARD: Wie viele Menschen sehen diese unverschlüsselte Satellitenversion von ORF 2?

Lindner: Das ist nicht messbar, sagt der dafür zuständige Planungschef Wolfgang Lorenz. Aber wir haben Reaktionen.

STANDARD: Sie wollen also einen Kinderkanal, einen Sportkanal, vielleicht einen Theaterkanal. Mit welchem Geld?

Lindner: Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Man muss trotzdem Visionen haben.

STANDARD: Um die nächste Gebührenerhöhung zu erklären?

Lindner: Das ist noch nicht gerechnet. Vorhandene Programme sind nicht so teuer.

STANDARD: Sie haben weitere Gebührenerhöhungen in dieser Amtszeit ausgeschlossen. Das heißt, ab 2007 könnten Sie wieder eine betreiben.

Lindner: So sehe ich das auch, das wird notwendig sein.

STANDARD: Um wie viel? 2004 waren es 8,2 Prozent.

Lindner: Das wird sich zeigen. Ich oder ein Nachfolger wird das betreiben müssen.

STANDARD: Sie erklärten 2004, Sie wollen 2006 nochmals Generaldirektorin werden. Müssen Sie sich nicht bewerben, um Ihre Ansprüche zu wahren?

Lindner: Darum habe ich mich nicht gekümmert.

STANDARD: Macht Sie die frühe Ankündigung nicht ...

Lindner: ... erpressbar? Man wird nicht zwingend erpressbar, nur weil man sagt, man will es wieder werden. Ich erfülle jetzt auch keine Wünsche, warum soll ich’s dann machen?

STANARD: Den Eindruck hat man nicht immer.

Lindner: Sie sehen das sehr kritisch, aus einer anderen Warte, okay. Mir fehlt bei vielen Dingen, etwa der Schüssel-Rede, das Unrechtsbewusstsein. Das ist eine ziemlich hochgespielte Geschichte, an der man die ganze Politik aufgehängt hat. So what?

STANDARD: Vielleicht überlegen Sie sich’s doch noch? Wen empfehlen Sie als Nachfolger? Chefredakteur Werner Mück?

Lindner: Ein hervorragender Chefredakteur, ein sehr guter Journalist. Er kennt das Unternehmen gut. Er sagt, er geht in Pension. Ich hoffe nicht.

STANDARD: Über Mück als TV- Direktor wird spekuliert.

Lindner: Den Spekulationen geben wir jetzt keine Nahrung, daher sage ich nichts.

STANDARD: Braucht man weiter einen eigenen Onlinedirektor?

Lindner: Dieses Signal 2001 war wichtig. Über künftige Direktionen kann ich noch nichts sagen.

STANDARD: Den Technikdirektor könnte man mitsamt der Technik in eine Tochter auslagern?

Lindner: Das Haus ist organisiert wie zur Eröffnung Ende der Siebzigerjahre. Alles um uns herum hat sich mit den Jahren verändert. Wir müssen uns in diesem Prozess irgendwie bewegen. Wie, überlegen wir noch.

STANDARD: Nun kommen die ersten Kündigungen: zehn, dutzende, hunderte Leute?

Lindner: Hunderte ganz bestimmt nicht. Es wird sicher keinen Blutstrom geben. Es wird da und dort Einschnitte geben. Mit sozialem Augenmaß und genauem Bedacht darauf, wo auch das Unternehmen was davon hat. Gute Leute muss man halten. Vielleicht geht sich’s auch anders aus, mit Pensionierungen oder anderen Möglichkeiten. Ich will ja keine Panik erzeugen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.6.2005)

  • "Solange man weiß, warum, ist die Katastrophe nicht so groß": Monika Lindner über den Quotenschwund des ORF-Fernsehens unter ihrer Führung.
    foto: standard/fischer

    "Solange man weiß, warum, ist die Katastrophe nicht so groß": Monika Lindner über den Quotenschwund des ORF-Fernsehens unter ihrer Führung.

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